So viele Antidepressiva, so viel Wut, so viel Erschöpfung… Warum geht es uns dann immer noch nicht gut?
Während die Antidepressiva-Einnahme in der Türkei Rekordwerte erreicht, verschlechtert sich die gesellschaftliche Gemütslage zunehmend. Prof. Dr. Hüseyin Nazlıkul erzählte Gözde Sula die Gründe hinter diesem Widerspruch und die Notwendigkeit eines neuen Ansatzes in der psychischen Gesundheit.
Die Antidepressiva-Einnahme in der Türkei befindet sich auf dem höchsten Stand ihrer Geschichte. Dennoch herrschen auf der Straße Wut, in den Häusern Erschöpfung und bei jungen Menschen ein Gefühl der Sinnlosigkeit.
Wir haben mit Prof. Dr. Hüseyin Nazlıkul über die Ursachen dieses Widerspruchs, die Grenzen der Antidepressiva und darüber gesprochen, warum die psychische Gesundheit ein neues Paradigma benötigt.
In der Türkei und weltweit ist die Antidepressiva-Einnahme so stark gestiegen wie nie zuvor. Trotzdem ist die Gesellschaft unruhiger, wütender. Wie lesen Sie dieses Bild?
Eigentlich sagt dieses Bild etwas sehr Klares:
Das Problem ist nicht nur „traurig zu sein“.
Heute sagen mir die Menschen eher Folgendes:
„Ich fühle nichts.“
„Ich explodiere bei der kleinsten Kleinigkeit.“
„Obwohl es mir eigentlich gut gehen sollte, löse ich mich noch mehr auf.“
„Es gibt Medikamente, aber es gibt mich nicht.“
Das ist keine klassische Depression. Das ist eine Störung der Körperregulation. In der Medizin nennen wir das Regulationsverlust. Das heißt, der Körper kann sich nicht mehr selbst beruhigen, sich nicht mehr erholen, sich nicht mehr ausbalancieren.
Was meinen Sie genau mit Regulationsverlust?
Ich meine damit Folgendes:
Das Nervensystem bremst nicht mehr, das Hormonsystem ist durcheinander.
Der Schlafrhythmus ist unterbrochen, das Darmsystem ist aus dem Gleichgewicht geraten, die zelluläre Energie ist gesunken.
Bei einem solchen Körper können Sie nicht erwarten, dass das Gehirn gesund arbeitet. Denn das Gehirn ist kein vom Körper unabhängiges Organ. Wenn im Körper Alarmzustand herrscht, befindet sich auch das Gehirn im Alarmzustand.
Warum reichen Antidepressiva an diesem Punkt nicht aus?
Zunächst möchte ich Folgendes klar sagen:
Antidepressiva sind keine schlechten Medikamente. Am richtigen Ort, bei der richtigen Person retten sie Leben.
Aber Antidepressiva lösen kein Trauma.
Sie löschen nicht den Stress von Jahren aus dem Körper, sie reparieren keine Schlaflosigkeit, sie korrigieren keine Darmstörung, sie steigern nicht die Energieproduktion der Zelle.
Sie bauen das autonome Nervensystem nicht neu auf.
Meistens dimmen sie nur die Stimme des Gefühls.
Aber beim heutigen Menschen liegt das Problem nicht in der Stimme, sondern im Untergrund.
Wenn der Untergrund gestört ist, hilft es nur bis zu einem gewissen Grad, die Stimme leiser zu stellen.
Liegt also hier die Antwort auf die Frage, warum Millionen Menschen heute Medikamente nehmen, sich aber immer noch nicht gut fühlen?
Ja. Denn wir behandeln meistens das Symptom, nicht den Untergrund.
Der heutige Mensch ist nicht nur unglücklich; er ist erschöpft, schlaflos, ständig in Alarmbereitschaft, unter Unsicherheit, von Bildschirmen umgeben, von der Natur und vom Körper abgeschnitten.
Einem solchen Organismus nur zu sagen „fühl dich gut“ reicht nicht aus.
Muss man auch diese Wutausbrüche und die Intoleranz in der Gesellschaft in diesem Rahmen lesen?
Absolut.
Die Raserei, die wir heute im Straßenverkehr sehen, die Ausbrüche in den Häusern, die Intoleranz auf der Straße, die Lynch-Sprache in den sozialen Medien sind meistens nicht ideologisch, sondern biologisch bedingt.
Ständiger Lärm, ständiges Tempo, ständige Angst, ständige Existenzsorgen…
Der Körper nimmt das als Gefahr wahr. Wenn die Gefahrenwahrnehmung lange anhält, bleibt das Nervensystem in Alarmbereitschaft.
In einem Körper, der in Alarmbereitschaft bleibt, gibt es weder Geduld noch Mitgefühl noch tiefes Denken.
Es gibt nur Verteidigung. Es gibt nur Flucht oder Angriff.
Sie sagen, dass man Depression heute nicht mehr nur als „seelische“ Angelegenheit betrachten kann. Was sagt die Wissenschaft?
Die Wissenschaft sagt Folgendes:
Depression steht in direktem Zusammenhang mit dem Darm, mit Entzündung, mit Hormonen, mit dem Blutzucker, mit den Mitochondrien, mit der Sauerstoffversorgung.
Bei vielen Menschen mit schweren seelischen Problemen sehen wir heute gleichzeitig Insulinresistenz, hormonelle Dysbalance, Darmstörungen, chronische Erschöpfung, verminderte zelluläre Energie.
Das heißt, diese Menschen sind nicht nur traurig; sie können sich körperlich nicht regulieren.
Und was sagt die „Regulationsmedizin“?
Die Regulationsmedizin sagt Folgendes:
Eine Krankheit ist meistens nicht die Störung von etwas, sondern der Zustand, dass etwas nicht mehr gesteuert werden kann.
Das Problem ist nicht ein einzelnes Organ; es ist der gesamte Organismus.
Deshalb reicht es nicht aus, nur eine Diagnose zu stellen.
Man muss das Nervensystem, die Darm-Hirn-Achse, den hormonellen Rhythmus, die Mikrozirkulation
und die zelluläre Energie gemeinsam betrachten.
Der Mensch ist nicht nur ein denkendes Wesen.
Der Mensch ist ein Wesen, das Regulation braucht.
Was möchten Sie unseren Lesern abschließend sagen?
Wenn es trotz so vieler Antidepressiva so viel Wut gibt, wenn es trotz so vieler Medikamente so viel Erschöpfung gibt, müssen wir hier innehalten und Folgendes fragen:
Was behandeln wir, was übersehen wir?
Medikamente sind notwendig.
Aber sie reichen nicht mehr aus.
Das Verständnis von psychischer Gesundheit im neuen Zeitalter muss ein Verständnis sein, das den Körper in den Mittelpunkt stellt, das Nervensystem repariert
und das Leben neu ordnet.
Denn Ruhe beginnt nicht im Gehirn.
Ruhe beginnt, wenn sich der Körper beruhigt.