İçeriğe geç
ODA TV Artikel

Nach Sırrı Süreyya Önder: Der stille Abschied eines Freundes

Dr. Hüseyin Nazlikul
Dr. Hüseyin Nazlikul 05.05.2025 3 min read

Lieber Freund,

Zum ersten Mal kreuzten sich unsere Wege im Jahr 2004. So wie du die Aufmerksamkeit aller auf dich zogst, hast auch du mich vom ersten Moment an fasziniert. Nicht nur mit deinen Worten, sondern mit deinem ganzen Wesen… Deiner Intelligenz, deinem Humor, deinen schweren, aber innigen Blicken, deiner Erzählweise, die den Spuren von Sprachen, Kulturen und Geschichten folgte… Du warst tiefgründig. Ein Weiser, der einen zum Lachen brachte und dabei zum Nachdenken anregte, der zum Weinen brachte und dabei lehrte, sich ans Leben zu klammern.

EINE MIT GEWISSEN VOLLZOGENE AUSGRABUNG

Als ich dich zum ersten Mal traf, warst du voller Begeisterung für das Drehbuchschreiben. Deine Augen leuchteten. Voller Aufregung hattest du mir den Rohentwurf des Films vorgelesen, dem du den Namen „Beynelmilel“ gegeben hattest. Damals hatte ich verstanden: Du warst nicht nur ein Drehbuchautor, sondern zugleich ein Gedächtnisarbeiter, der versuchte, das zerbrochene Gedächtnis dieses Landes zu heilen. Dieser Film war mehr als nur ein Projekt: Er war eine mit Gewissen vollzogene Ausgrabung gegen das Vergessen…

Als ein gerade aus Deutschland zurückgekehrter Arzt fand ich mich mit dir plötzlich mitten in Gesprächen über Literatur, Kino und Theater wieder. Wir haben viel geredet, viel gelacht, und oft auch geschwiegen… Deine Hand hatte jedes Instrument berührt, aber über die Worte herrschtest du am meisten. Du hast eine Zeile wie ein Manifest, eine Geschichte wie eine Hymne vorgetragen. Jede Begegnung mit dir war eine Inspiration, jeder Abschied eine Lektion.

DU HAST DAS LEBEN AUF DIE BÜHNE GETRAGEN

Deine Freundschaft mit unserem älteren Freund Ahmet Gökbulut reichte bis vor 1980 zurück. Auch diese Freundschaft war, genau wie du, tief, alt und treu. Mit der Zeit hatten wir ein Band der Freundschaft zu dritt geschlossen. An dem Tag, als du dich entschlossen hast, in die Politik zu gehen, hatte ich dir gesagt, was mir durch den Kopf ging: „Du bist im Schreiben, im Kino, im Erzählen an einen Ort gelangt… Dort solltest du bleiben.“ Aber deine innere Stimme war größer. Du warst gewaschen vom Schmerz dieses Volkes. Du hast das Schreiben nicht aufgegeben, aber dort, wo das geschriebene Wort nicht ausreichte, hast du das Leben auf die Bühne getragen.

Du wolltest das Blutvergießen beenden. Frieden zu bringen und die Brüderlichkeit wiederherzustellen, sahst du nicht als Ideal, sondern als Pflicht. Du hast dich nie geschont. Du hattest keine Angst davor, ins Gefängnis zu gehen. Als sich die Wege ins Exil auftaten, hast du eine würdevolle Haltung gewählt. Du hattest keinerlei Erwartungen für dich selbst, aber für das Volk warst du eine Hoffnung.

DAS GELIEBTE KIND DES VOLKES

In den letzten 10 Jahren ist unsere Freundschaft noch viel tiefer geworden. Wir teilten nicht nur Erinnerungen, sondern auch Schmerz, Hoffnung und Gelächter, und dann… ein langer Krankheitsverlauf. Selbst ein so starkes, geduldiges Herz wie deins hat er schwer belastet. Doch selbst darin sah ich noch etwas anderes: die Liebe der Menschen zu dir, das Mitgefühl und die Treue, die aus allen Bereichen der Gesellschaft aufstiegen. Du warst nicht nur ein Intellektueller, Künstler oder Politiker, sondern inzwischen das Gewissen dieser Region, das geliebte Kind des Volkes geworden. Du warst nicht mehr nur ein Kind der Familie Önder, sondern ein Kind dieses Landes.

Gestern haben wir dich in die Ewigkeit geleitet. Doch in mir ist eine Leere, die ich nicht beschreiben kann. Ich stehe allein mit dem Fehlen unserer Gespräche, unserer Diskussionen, deines wunderschönen Gelächters. Aber ich weiß, dass du diese Welt verlassen und dabei eine Spur hinterlassen hast. Mit dir zu sprechen, zu schreiben, zu verstehen zu versuchen… all das war ein Privileg.

Sırrı Süreyya Önder, dein Name wird von nun an in einer Zeile der Literatur, in der Szene eines Films, im Traum eines Kindes, in der Sehnsucht eines Volkes weiterleben, und ich… ich werde dich immer als Freund, als Bruder, als Weisen in Erinnerung behalten.

Möge dein Licht unser Wegbegleiter sein.

Dein Freund,
Dr. Hüseyin Nazlıkul

Odatv.com