Was sollten Menschen tun, die Angst haben, sich zu wiegen
In allen wissenschaftlichen Lehren wird der Körper in drei Bereiche unterteilt: psychischer, physischer und chemischer Körper. Im quantenphysikalischen Ansatz, aus dem die Komplementärmedizin hervorgeht, ist der Körper fünfdimensional. Die metabolisch und lebensnotwendige Ernährung besitzt – wie all unser sonstiges Verhalten – eine eigene Psychologie. Diese bezeichnen wir als „Ernährungspsychologie“.
Alle Grundbedürfnisse besitzen eine genussvolle Eigenschaft, und in jedem genussvollen Vorgang sind Hormone beteiligt. Die Einheit von Nerven-, Lymph- und Gefäßsystem des Körpers arbeitet gemeinsam mit dem Immunsystem und dem Hormonsystem zusammen. Das unsere Gefühle steuernde Zentrum (das limbische System) steht dabei an der obersten Kontrollebene dieses Gesamtsystems. Essen bedeutet nicht lediglich, den Magen zu füllen, um Energie aufzunehmen; es ist eine multifaktoriell beeinflusste Handlung, die durch Erziehung, Tradition, Region, Gewohnheiten, Hormone und das limbische System geprägt wird.
MANCHE MENSCHEN ERBRECHEN SOGAR
Betrachtet man es genauer, gehört der Appetitverlust zu den ersten beobachteten Veränderungen bei depressiven Patienten. Ein Säugling, der wütend auf seine Mutter ist oder seine Eltern bestrafen möchte, verweigert seine Nahrung. Eine verlassene Frau oder ein verlassener Mann bekämpft den Kummer mit Essen. Speisen, die in glücklichen Momenten gegessen werden, schmecken anders. Verliebte Paare bereiten gemeinsam ihr Essen zu. Unglückliche Menschen essen abends vor dem Fernseher fortwährend, ohne wahrzunehmen, was sie zu sich nehmen. Eine Tochter, deren Mutter übergewichtig ist, bringt sich als Erwachsene manchmal selbst zum Erbrechen, um keine Gewichtszunahme zu erleben. Es gibt Menschen, die eine Schwangerschaft meiden, um kein Gewicht zuzunehmen. Diese Beispiele ließen sich fortsetzen. Bereits diese wenigen Beispiele zeigen, wie eng die menschliche Psyche und die Ernährung miteinander verbunden sind.
Dass Körperbild, Übergewicht und Untergewicht in jeder Zeit ein Thema waren und deren Popularität immer wieder zunimmt, hat die Auseinandersetzung mit der Ernährungspsychologie heute umso notwendiger gemacht. Wo Psychologie im Spiel ist, sollte dies selbstverständlich Aufgabe erfahrener Psychologen und speziell in Ernährungspsychologie ausgebildeter Ärzte sein. Denn eine Essverhaltensstörung ist keine Krankheit, sondern ein Zustand der Dysregulation. Auch dies ist eine Aufgabe, die von auf Regulationstherapie spezialisierten Ärzten gemeinsam mit Psychologen gelöst werden sollte.
TROTZ ALLER WARNZEICHEN...
In welchen Fällen sollte also die Beziehung eines Menschen zum Essen überprüft und aus psychologischer Sicht betrachtet werden?
- Wenn die Person gewohnheitsmäßig isst, ohne Hunger zu verspüren
- Wenn Lebensmitteleinkäufe übertrieben ausfallen
- Wenn sie das Etikett jedes gekauften Produkts liest und dabei praktisch eine wissenschaftliche Arbeit verfasst
- Wenn sie sich niemals auf die Waage stellt und es vermeidet, ihr Gewicht zu erfahren
- Wenn sie ständig von einer Ernährungsberatung zur nächsten wechselt
- Wenn sie trotz Sättigung unkontrolliert weiteresst
- Wenn sie bei emotionalen Schwankungen (Traurigkeit, Wut, Sprachlosigkeit, Depression...) unbewusst oder ohne sich beherrschen zu können isst
- Wenn sie sich unter ihrer Kleidung versteckt
- Wenn sie übertrieben verkündet, mit ihrem Übergewicht glücklich zu sein
- Wenn sie trotz aller Warnzeichen hastig, achtlos und unappetitlich isst
- Wenn sie selbst nichts isst, aber ständig andere zum Essen drängt
- Wenn sie beim Thema gesunde Ernährung übertrieben ins Detail geht und dadurch Reaktionen ihres Umfelds auslöst
- Wenn im Namen gesunder Ernährung jede Mahlzeit zu einer regelrechten Operation wird
- Wenn sie ständig hungrig umherläuft, um kein Gewicht zuzunehmen
- Wenn ihr ganzes Leben vom Versuch bestimmt war, Gewicht zu verlieren
- Wenn sie ständig Kalorien zählt
- Wenn eine dauerhafte Angst vor Gewichtszunahme besteht
- Wenn sie sich nur von einer einzigen Lebensmittelart ernährt
- Wenn sie in Gegenwart anderer nicht essen kann und nur allein isst
- Wenn sie fürchtet, durch das Essen sofort zuzunehmen
- Wenn sie nach dem Essen Gewissensbisse hat
- Wenn sie das Essen hasst
- Wenn sie ohne zugrunde liegende Erkrankung oder Störung und trotz ausreichender Nahrungsaufnahme Gewicht verliert
- Wenn sie beim Essen keine Freude empfinden kann oder im Gegenteil übertrieben glücklich wird
- Wenn sie nach dem Essen erbricht
ZEREMONIE
Erreicht eine Person trotz ausreichend Sport, Wasser und gesunder Ernährung ihr Idealgewicht nicht, kann hinter dieser und ähnlichen Essverhaltensstörungen eine psychologische Ursache vermutet werden. Bevor man dies jedoch sagen kann, muss unbedingt zunächst eine organische Störung oder ein mögliches Störfeld ausgeschlossen werden.
Um das Gestörte zu verstehen, muss man das Gesunde kennen. Die Grundmerkmale gesunder Ernährung sind:
- Eine abwechslungsreiche und rotierende Ernährung.
- Darauf zu achten, an jedem Tag der Woche eine andere Grundnährstoffgruppe zu verzehren – jedoch auch dabei nicht zwanghaft oder starr zu sein.
- Mit dem Essen aufhören zu können, sobald man satt ist, selbst wenn der Teller noch halb voll ist.
- Zu den Mahlzeiten, also entsprechend unserem biologischen Rhythmus dann zu essen, wenn wir Hunger verspüren.
- Sich eine Ernährung fernab von Raffination (verarbeiteten Lebensmitteln) anzugewöhnen.
- Nicht zwischendurch im Stehen zu naschen und die Mahlzeit kauend und bewusst genießend einzunehmen.
- Fertigprodukte zu meiden und natürliche Lebensmittel zu verzehren.
- Gesunde Ernährung nicht auf bestimmte Zeiträume zu beschränken, sondern zum Lebensstil zu machen.
- Sich bewusst zu machen, dass Ernährung ein Grundbedürfnis ist, das mit Freude erfüllt werden sollte.
Essen bedeutet nicht, sich einfach etwas in den Magen zu schütten, sondern es ist eine Zeremonie, bei der der Genuss des Geschmacks im Vordergrund steht. Wird außerhalb dieses Rahmens dauerhaft ein Essverhalten praktiziert, das zu Störungen im Magen-Darm-Trakt führt und in Gewichtszunahme oder Gewichtsverlust mündet, ist es notwendig, die zugrunde liegende Ernährungspsychologie zu untersuchen.
Für weitere Informationen zu diesem und ähnlichen Themen können Sie mein Buch „Güzel, Mutlu ve Sağlıklı“ (Schön, Glücklich und Gesund) zurate ziehen.