Sind wir Herr unserer Gefühle oder ihr Sklave?
Die Wellen des Meeres können Sie nicht aufhalten. Aber Sie können lernen, ein guter Kapitän zu sein. So verhält es sich auch mit dem menschlichen Leben. Zorn kommt. Furcht kommt. Angst kommt. Freude kommt ebenso, und Trauer…
Kein Gefühl währt ewig. Doch obwohl die meisten von uns wissen, dass Gefühle vorübergehend sind, lernen wir nicht, sie zu steuern, sondern sie zu unterdrücken.
Seit unserer Kindheit wachsen wir mit Sätzen auf wie „Weine nicht.“, „Sei stark.“, „Zeig es nicht.“ Mit der Zeit halten wir Tränen für Schwäche, Zorn für unschicklich und Angst für ein Versagen.
Dabei verschwindet kein unterdrücktes Gefühl. Es wechselt lediglich seinen Ort. Ein Teil setzt sich in den Muskeln fest. Ein Teil im Bindegewebe… Ein Teil im Darm… Ein Teil wird in die unsichtbaren Aufzeichnungen des autonomen Nervensystems eingeschrieben. Vielleicht ist der wahre Lebenslauf eines Menschen weniger seine Diplome und Titel als vielmehr das stille Gedächtnis, das sein Nervensystem in sich trägt.
Heute zeigen uns Neurowissenschaft, Psychoneuroimmunologie und Biophysik eine wichtige Tatsache: Kein Gefühl wird allein im Geist erlebt.
Jedes Gefühl ist ein biologisches Ereignis, das gleichzeitig das Gehirn, das Herz, den Darm, die Hormone, das Immunsystem und sogar die interzelluläre Matrix beeinflusst. Hypothalamus, Hypophyse und Nebennieren treten binnen Sekunden in Aktion. Der Herzrhythmus verändert sich. Die Atmung wird anders. Die Verdauung verlangsamt oder beschleunigt sich. Der Muskeltonus steigt. Das Immunsystem wird neu justiert. Der Körper ist also der stille Übersetzer der Gefühle.
Genau aus diesem Grund betrachtet die Regulationsmedizin den Menschen nicht lediglich als eine mechanische Struktur aus Organen. Sie versteht ihn als lebenden Organismus, in dem Nervensystem, Hormone, Immunsystem, Faszie, Darm und Gefühle einander ständig beeinflussen.
Der stille Dirigent in uns
Ihr Herz bringen nicht Sie selbst zum Schlagen. Ihre Leber steuern nicht Sie selbst. Ihr Darm vollzieht, ohne dass Sie es bemerken, Millionen von Bewegungen. Ihre Zellen führen jede Sekunde zahllose biochemische Reaktionen in vollkommener Ordnung aus. Der Dirigent dieser unsichtbaren Symphonie ist das autonome Nervensystem. Das sympathische System hält uns am Leben. Das parasympathische System hingegen heilt uns. Doch das größte Problem unserer Zeit ist nicht die Krankheit, sondern der ständige Alarmzustand. Unsere Telefone verstummen nicht. Unser Geist kommt nicht zur Ruhe. Unser Körper vergisst, wie man sich entspannt. Vielleicht ist ein bedeutender Teil der Menschen heute nicht wirklich krank, sondern hat lediglich chronisch seine Regulationsfähigkeit verloren.
Genau an diesem Punkt ist die Neuraltherapie nicht nur ein Injektionsverfahren zur Schmerzlinderung. Ziel ist es, die gestörte Kommunikation des autonomen Nervensystems neu zu ordnen, die eigene Heilungsfähigkeit des Organismus zu aktivieren und dem Körper zu helfen, seinen biologischen Rhythmus wiederherzustellen.
Denn ein Körper, der nicht reguliert ist, bringt meist auch einen Geist hervor, der nicht reguliert ist. Vielleicht ist die größte Armut unserer Zeit nicht wirtschaftlicher Natur. Es ist der Verlust des inneren Gleichgewichts. Regulation ist kein rein biologischer Begriff. Sie ist auch in der Familie nötig. Auch in der Bildung… Auch in der Wirtschaft… Auch in der Politik… Auch in der Gesellschaft… Auch in unserer Beziehung zur Natur…
Ist das Gleichgewicht gestört, erkrankt nicht nur der Körper. Der Mensch ermüdet. Die Gesellschaft ermüdet. Und die Zivilisation altert im Stillen. Das Leben wird niemals ohne Wellen sein. Wichtig ist nicht, dass die Wellen ausbleiben. Wichtig ist, ob uns jede Welle ein wenig weiser macht. In meiner mehr als dreißigjährigen beruflichen Laufbahn hat mich die Regulationsmedizin immer wieder dieselbe Wahrheit gelehrt: Der Mensch heilt nicht, indem er seine Gefühle zum Schweigen bringt, sondern indem er sie versteht. Er wird nicht stark, indem er seinen Körper zwingt, sondern indem er ihm zuhört. Und wahre Gesundheit bedeutet nicht, niemals traurig zu sein. Sie bedeutet, ein Nervensystem zu besitzen, das stark genug ist, auch mit der Trauer leben zu können.
Denn die Reife der Seele und die Regulation des Körpers sind keine zwei getrennten Geschichten. Sie sind unterschiedliche Seiten desselben Buches. Und der Mensch beginnt wirklich zu leben, wenn er den Mut findet, dieses Buch zu lesen.
Weitere Informationen zur Neuraltherapie und den übrigen Behandlungsmethoden von Hüseyin Nazlıkul finden Sie hier.
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Hüseyin Nazlıkul