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VON NAZLIKUL ZUM JAHRESENDE: EIN NACH INNEN GESCHRIEBENER MYTHOLOGISCHER BRIEF

Dr. Hüseyin Nazlikul
Dr. Hüseyin Nazlikul 31.12.2025 4 min read
VON NAZLIKUL ZUM JAHRESENDE: EIN NACH INNEN GESCHRIEBENER MYTHOLOGISCHER BRIEF

Dies ist ein Brief,
Ein versiegelter Atemzug, hinterlassen an der Brust der Zeit,
Ein Wort, nach innen geschrieben, doch das Äußere verändern will,
Ein Bewusstsein, dessen Federspitze die Vergangenheit,
Dessen Tinte die Zukunft berührt.

Wieder fällt ein Jahr vom Kalender,
Die Sekunden verwehen im Wind
wie die Asche von Zivilisationen.

Und ich schreibe…
Nicht für alle,
Zuerst für mich selbst,
Dann für die Menschheit.

Auf den steinernen Stufen des Olymp flüstert der Schatten Homers:
„Erinnere dich! Der Brief ist der längste Einspruch, den der Mensch gegen sein eigenes Schicksal schreibt.“
Hermes, der Bote der Götter,
Lief mit seinen geflügelten Sandalen durch die Zeitalter,
Um eine einzige Wahrheit
In das Herz eines Menschen zu tragen.

Am Himmel des Zeus schlagen Blitze ein,
Doch der eigentliche Donner ist im Inneren des Menschen:
Das Gewissen schweigt,
Die Angst spricht,
Und deshalb wird der Brief geschrieben.

Am Ufer des Nils verbindet Isis verwundete Seelen,
Im zerstückelten Leib des Osiris liegt der Spiegel der Menschheit.
Der Sand Ägyptens birgt tausende Briefe,
Niemals gesendete Gebete,
Niemals gelesene Schreie…

Gegen die schweigenden Pyramiden der Pharaonen
Ist der über ein Blatt Papier gebeugte Atem eines Kindes
Revolutionärer,
Unendlicher,
Wahrhaftiger…

Während in China der Drache den Himmel hält,
Flüstert Laozi leise:
„Das Wort wird zum Weg; der Weg verändert das Schicksal.“
Briefe, geschrieben auf Bambuspapier,
Überdauern Krieg, Hunger und Dynastien.
Denn die Menschheit
Ist am meisten zerbrochen, wenn sie schwieg,
Und am meisten auferstanden, wenn sie schrieb.

In den russischen Steppen
Wandern die Feder Puschkins, das Herz Dostojewskis, das Gewissen Tolstois
wie ein winterlicher Atemzug umher.
Briefe, geschrieben aus den Waggons der Verbannung,
Sind die schwersten Zeugnisse der Welt.
Die Zeile, die eine Mutter ihrem Sohn ein letztes Mal schreibt,
Bringt manchmal ein Kaiserreich in Verruf,
Manchmal richtet sie die Würde eines Volkes wieder auf.

Und dort lernt der Mensch:
Ein Brief ist manchmal neben einem ärmlichen Ofen,
Manchmal an einem vereisten Zugfenster
Die größte Revolution.

In den persischen Palästen spricht Zarathustra:
„Hüte das Feuer! Doch lies zuerst das Feuer in dir!“
Der Brief ist wie das Feuer,
Wärmt nicht, wenn er nicht brennt,
Weckt nicht, wenn er nicht brennt,
Der Mensch wird kein Mensch, wenn er nicht brennt.

Der persische Wind trägt Poesie,
Poesie wird zum Brief,
Der Brief fordert das Leben heraus.

In den deutschen Wäldern, im Nebel des Teutoburger Waldes,
Hallt eine Stimme wider:
„Der Mensch ist nur frei, wenn er seinem Gewissen schreibt!“
Die von Nietzsche eingehämmerten Fragen,
Die polierten Worte Goethes,
Die Tränen der Verbannung Heines
Sind Zeilen, niedergeschrieben im Seelenbuch einer Nation.

Und dort wird verständlich:
Ein Volk ist nicht so stark wie sein Postamt,
Sondern so stark wie die Briefe, die sein Gewissen erreichen.

Die Trommel des Schamanen schlägt,
Der Nordwind berührt die Brust des Menschen.
Dort wird der Brief an den Himmel geschrieben,
An die Rinde der Bäume,
In das Gedächtnis von Berg und Stein…
Die Seele spricht,
Das Wort wird zum Flügel.

In den türkischen Steppen wiehert ein Pferd,
Während im Inneren des Nomadenzelts Rauch aufsteigt,
Hinterlässt ein Vater seinem Sohn einen einzigen Satz:

„Vergiss nicht, mein Sohn…
Was den Menschen zum Menschen macht,
Ist nicht, was er besitzt,
Sondern die Wahrheit, die er auszusprechen vermag.“

Auf den Marmorstraßen Roms
Übersteigen die in lateinischen Buchstaben geschriebenen Briefe des Schicksals
Staaten, Gesetze und den Stolz von Imperien,
Doch enden am Ende wieder in einem Herzen.
Denn jede Zivilisation
Schrieb zuerst in ihr Herz,
Meißelte es dann in ihre Mauern,
Und überließ es schließlich der Geschichte.

Und nun komme ich zur Gegenwart…
Es gibt Telefone,
Es gibt Satellitensignale,
Es gibt Bilder, die in einer Sekunde das andere Ende der Welt erreichen…
Doch der Mensch war in keiner Epoche
So einsam,
So stumm,
So von sich selbst getrennt wie heute.

Wir kommunizieren,
Doch wir sprechen nicht.
Wir schreiben,
Doch wir fühlen nicht.
Wir sehen,
Doch wir verstehen nicht.

Deshalb
Wird dieser Brief zum Jahresende
Nicht „nach außen“,
Sondern „nach innen“ geschrieben.

An uns selbst,
An unser vergessenes Gewissen,
An unser zum Schweigen gebrachtes Herz,
An die menschliche Seite in uns, die wir verlassen haben…

O Menschheit,
O großes Kind, das seit Jahrhunderten denselben Fehler begeht,
Wisse dies:

Ein Brief ist nicht nur Papier.
Ein Wort ist nicht nur Klang.
Eine Botschaft ist nicht nur Kommunikation.

Ein Brief
Ist das Gelübde des Menschen an sich selbst.
Ein Wort
Ist der mit dem Schicksal geschlossene Pakt.
Eine Nachricht
Ist die Gewissensaufzeichnung der Gesellschaft.

Deshalb schreibe ich:

Möge es eine Welt sein, in der nicht die Macht, sondern das Gewissen spricht.
Möge es eine Zukunft sein, der nicht die Angst, sondern das Wort die Richtung weist.
Möge es eine Epoche sein, die nicht von Waffen, sondern von Federn gewogen wird.

Und möge der Mensch
Nicht vergessen, dass er der Bote der Geschichte ist.

Denn jeder von uns
Wird entweder schweigend einen Brief an die Dunkelheit schreiben,
Oder sprechend eine Zukunft ins Licht senden.

Zum Jahresende
Sind diese Zeilen
Nicht nur ein Gedicht,
Sondern ein Aufruf an die Menschheit:

Schau nach innen,
Schreibe nach innen,
Verändere dich von innen.

Frohes neues Jahr