Eine umfassende Betrachtung der Neuraltherapie
Die Systematik der diagnostischen und therapeutischen Anwendung von Lokalanästhetika verdanken wir den Brüdern Ferdinand und Walter Huneke, die vor Jahrzehnten ihre Beobachtungen zur Anwendung von Lokalanästhetika bei Patienten genial interpretierten.
Darüber hinaus bildeten Rickers Relationspathologie, Speranskis Neuralpathologie sowie die Arbeiten der Wiener Gruppe (Bergsmann, Hopfer, Kellner, Perger, Pischinger, Stacher) und später die Arbeiten von Heine die wissenschaftliche Grundlage der Neuraltherapie. Dass sich die Neuraltherapie anschließend in zahlreichen Kliniken verbreitete, ist Peter Dosch zu verdanken, der mit seinem in den 1960er-Jahren veröffentlichten Lehrbuch dem endgültigen Aufstieg der Neuraltherapie entscheidenden Auftrieb gab.
Ein weiterer Meilenstein der Neuraltherapie ist das Lehrbuch von Hans Barop, das einerseits mit „Bodypainting“ als anatomischer Atlas, andererseits durch die Darstellung der Systematik von Neuroanatomie und Neurophysiologie besticht. Auch das kürzlich erschienene Neuraltherapie-Handbuch von Stefan Weinschenk, das Neuraltherapie-Lehrbuch von Hüseyin Nazlikul sowie die Dissertation „Neuraltherapie bei therapieresistenten Erkrankungen“* sind zu wichtigen Nachschlagewerken geworden.
Zahlreiche Anwendungen der Neuraltherapie haben im Laufe der Jahre auch Eingang in die konventionelle Medizin gefunden. Die lokale und segmentale Neuraltherapie wird heute zwar mitunter statt als „Neuraltherapie“ auch als „lokale und segmentale Infiltrationsanästhesie“ oder als „diagnostische und therapeutische Lokalanästhesie“ bezeichnet, deckt sich im Ergebnis jedoch mit der konventionellen Medizin.
Mit großer Wahrscheinlichkeit gibt es weltweit keine einzige Schmerzklinik, in der die Neuraltherapie nicht sowohl diagnostisch als auch therapeutisch integriert wäre.
Im Laufe der Zeit wurden zudem Herd- und Störfeldgeschehen herausgearbeitet. Diese Strukturen wurden im Zusammenhang mit rheumatologischen, kardiologischen und gynäkologischen Erkrankungen, insbesondere im Zahn-Kiefer-Bereich, teilweise an großen Patientenkollektiven untersucht. Durch den Nachweis statistisch signifikanter Zusammenhänge entstanden experimentell fundierte Modelle, die auf die Beziehungen zwischen vegetativem Nervensystem, neurogener Entzündung und Immunsystem hinweisen. Darüber hinaus lassen sich viele Vorgänge in Störfeldern inzwischen (teilweise) durch neuroanatomische Verbindungsfehler erklären. Dadurch hat der Segmentbegriff eine erheblich weitere Bedeutung gewonnen.
Bemerkenswert ist zudem, insbesondere bei funktionellen Erkrankungen und Schmerzzuständen, die Eindeutigkeit und Schnelligkeit der Reaktion des Organismus in der Neuraltherapie. In diesem Sinne erweist sich die Neuraltherapie in jedem klinischen Umfeld und in jeder Schmerzklinik diagnostisch wie therapeutisch als nützlich. Bei Patienten mit chronischen Schmerzen lassen sich die in jüngeren Studien bestätigten Langzeitwirkungen der Neuraltherapie durch die Pathophysiologie des Schmerzes erklären. Periphere und zentrale Sensibilisierungsareale sowie die Neuroplastizität verweisen auf eine Methode, mit der sich Engramme löschen und der Circulus vitiosus mittels Lokalanästhetika durchbrechen lässt. So betrachtet bedeutet die Neuraltherapie bei chronischen Schmerzzuständen im Rahmen des pathologischen Schmerzgeschehens eine Art „Desensibilisierung“.
Die Neuraltherapie nutzt die regulatorischen und plastischen Eigenschaften des Nervensystems: Direkte Reize (durch die Nadel) sowie gleichzeitig die selektive Reizblockade (durch das Lokalanästhetikum) beeinflussen die Organisation des Nervensystems und die Gewebeperfusion. So lässt sich bei Schmerzzuständen der Circulus vitiosus durchbrechen, und die für den Schmerz verantwortlichen Systeme erhalten die Chance zur Reorganisation.
In zahlreichen Ländern bestehen Neuraltherapie-Gesellschaften für Ärztinnen und Ärzte. In Deutschland wurde die Internationale Gesellschaft für Neuraltherapie (nach Huneke) in den 1950er-Jahren gegründet. Die früheren Präsidenten und heutigen Ehrenpräsidenten (Holger und Jürgen Huneke) haben maßgeblich zum internationalen Ansehen der Neuraltherapie beigetragen. Die jüngeren Generationen teilen ihre uneingeschränkte, breite Unterstützung und Begeisterung.
Hans Barop hat mit seinem sorgfältigen neuroanatomischen Ansatz sowie einer neuen Prüfungs- und Kursorganisation großen Anteil am Aufschwung der vergangenen Jahre.
Auch die mit großem Einsatz durchgeführten Forschungsarbeiten und die Procain-Studie des Vorsitzenden des wissenschaftlichen Beirats, Johann D. Hahn-Godeffroy, verdienen Anerkennung. Die vorausschauende Führung des heutigen Präsidenten Jürgen Rehder sowie der Vorstandsmitglieder Uta Rehder, Imke Plischko, Hagen Huneke und Bernd Belles sorgt für die weitere Entwicklung der Gesellschaft (IGNH). Imke Plischko hat zahlreiche Mittel erfolgreich für die Verbreitung der Neuraltherapie eingesetzt.
Rund 2000 Mitglieder haben im Osten Deutschlands eine zweite Gesellschaft (DGfAN) gegründet, die die Neuraltherapie mit Akupunktur und manueller Medizin integriert (Präsident Rainer Wander).
Auch in Österreich nimmt die Neuraltherapie einen bedeutenden Stellenwert ein. Das wissenschaftliche und offene Kommunikationsnetzwerk in Österreich verdanken wir einerseits den bereits genannten Pionieren und Otto Bergsmann, andererseits dem heutigen Team um Präsident Helmut Liertzer sowie zuvor Wolfgang Ortner, Elmar Ausserer, Roswitha Bergsmann, Georg Dimitriadis, Georg Feigl, Kurt Gold-Szklarski, Gabi Grögl, Gerasimos Papathanasiou, Winfried Muhri, Johanna Osztovics, Gerda Kippes, Michael Wildner und Andreas Zohmann. Auch Walter Dorner hat sich als Präsident der Österreichischen Ärztekammer sehr für die Integration eingesetzt.
In der Türkei hat man unter der Federführung von Hüseyin Nazlikul, im Rahmen der 2004 gegründeten Fachgesellschaft, jedes Jahr ein nationales Symposium, alle zwei Jahre einen internationalen Neuraltherapie-Kongress sowie zwei Weltkongresse für Neuraltherapie veranstaltet und in sehr kurzer Zeit eine große Neuraltherapie-Gesellschaft aufgebaut sowie die Neuraltherapie in zahlreiche Wissenschaftsbereiche integriert. Die Arbeiten von Hüseyin Nazlikul zur Neuraltherapie und Manuellen Medizin haben international, insbesondere im Bereich der physikalischen Medizin und Rehabilitation sowie beim Verständnis und der Behandlung von Schmerzen, großes Interesse geweckt.
In Spanien organisieren David Vinyes und sein Team Kurse und Kongresse. Katia Puente de la Vega hat mit großer Begeisterung, gemeinsam mit Cristina Roqueta, Miquel Gomez und dem Autor dieses Buches, ein Forschungsteam gegründet, um die experimentellen Grundlagen des Ganglion stellatum zu untersuchen. Diese Grundlagenkenntnisse gewährleisten die Sicherheit bei Stellatum-Injektionen und liefern zudem interessante Ergebnisse im neurophysiologischen und kardiovaskulären Bereich.
Die Diskussionen, die ich mit Armando Puente de la Vega geführt habe, haben mir sehr geholfen, theoretische Ansätze in die Praxis umzusetzen und zu verdeutlichen, dass Psyche und Soma in den Humanwissenschaften, insbesondere im Bereich des Schmerzes, eine untrennbare Einheit bilden.
Dass die Neuraltherapie in Mittel- und Südamerika in zahlreichen Praxen und Kliniken zu einer selbstverständlichen Anwendung geworden ist, verdanken wir zweifellos vor allem Armin Reimers (Mexiko) und Julio Cesar Payan de la Roche (Kolumbien), die nationale und internationale Kongresse veranstalten, Kurse organisieren und die Neuraltherapie an die Universitäten gebracht haben. Armin Reimers hat uns allen gezeigt, dass es neben einer intensiven täglichen Praxis möglich ist, unermüdlich weiter zu forschen.
In zahlreichen weiteren Ländern bestehen Neuraltherapie-Gesellschaften [z. B. in Belgien, den Niederlanden und der Schweiz (zunächst unter Andreas Beck als Nachfolger, dann unter Präsident Rudolf Hausammann)]. Für die Vergabe der Neuraltherapie-Lizenz sind in der Schweiz die Schweizerische Ärztegesellschaft für Neuraltherapie (Huneke-SANTH) und die Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte (FMH) zuständig.
An der Universität Bern besteht für die Neuraltherapie eine staatlich verliehene Dozentur (25 %). Ein Teil meiner Lehrveranstaltungen an dieser Universität ist verpflichtend und prüfungsrelevant. Dekan Prof. Eggli sowie die Prodekane (Prof. Stuck und Prof. Sterchi) haben hierbei eine Vorreiterrolle eingenommen.
Da die Wirkung, die Zielsetzung und die Kosteneffizienz der lokalen und segmentalen Neuraltherapie unbestritten anerkannt sind, ist sie in der Schweiz ausdrücklich im Leistungskatalog der obligatorischen Krankenversicherung aufgeführt. In dieser im Auftrag des Schweizerischen Bundesamts für Gesundheit durchgeführten großen Studie haben wir mit Prof. André Busata zusammengearbeitet, dem wir für vieles zu Dank verpflichtet sind.
Auch im Bereich der Störfelder wurden bedeutende Fortschritte erzielt (Forschungsarbeiten, erklärende Modelle).
Weitere Informationen hierzu finden Sie in meinem 2018 im Verlag Nobel Tıp Kitabevleri erschienenen Buch.
Prof. Dr. Lorenz Fischer
Vorwort des Neuraltherapie-Buches.
* (Dissertation (Doktor medicinae) im Rahmen des postgradualen Universitätslehrganges für Ganzheitsmedizin – Regulationsmedizin „Neuraltherapie Naturheilverfahren, Regulationsverfahren und Herdgeschehen“ von PD. Dr. med. Hüseyin Nazlikul, 2010, Die Medizinische Fakultät Charité)
Verwendete Quellen:
• Nazlikul, H: Neuraltherapie Lehrbuch
• Nazlikul, H: Neuraltherapie – Eine andere Behandlung ist möglich
• H. Barop (Übersetzer H. Nazlikul), Neuraltherapie-Atlas
• L. Fischer (Übersetzer H. Nazlikul und Y. Tamam), Neuraltherapie-Buch
• James W. McNabb (Übersetzer H. Nazlikul und Y. Tamam), Gelenk- und Weichteilinjektionen
• Weinschenk, S: Neuraltherapie
• Fischer, L. et al.: Lehrbuch Integrative Schmerztherapie