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Was ist Neuraltherapie? Um zu verstehen, wie die Neuraltherapie wirkt, müssen wir uns zunächst…

Dr. Hüseyin Nazlikul
Dr. Hüseyin Nazlikul 09.04.2023 4 min read
Was ist Neuraltherapie? Um zu verstehen, wie die Neuraltherapie wirkt, müssen wir uns zunächst einige Prozesse in unserem Körper genauer ansehen.
Um zu verstehen, wie die Neuraltherapie wirkt, müssen wir uns zunächst einige Prozesse in unserem Körper genauer ansehen.

Unser Körper besteht aus außerordentlich komplexen Systemen, die gut aufeinander abgestimmt organisiert sind und nach bestimmten Regeln und Kreisläufen funktionieren – etwa das Kreislaufsystem, der Stoffwechsel, das Verdauungssystem, die hormonelle Regulation, die Wärmeregulation und das Immunsystem. All diese Systeme arbeiten einwandfrei, weil sie sehr gut gesteuert werden und die Zellen ständig miteinander in Kommunikation stehen.

Dabei spielt das Nervensystem, das unseren gesamten Körper wie ein Netz umgibt, eine wichtige Rolle in diesem fehlerfreien Zusammenspiel. Tritt eine Erkrankung auf, betrifft dies nicht nur ein einzelnes Organ wie „Gallenblase, Magen, Gelenk“, sondern das gesamte System (den Körper). Es ist die Aufgabe der Medizin, in diesen Zustand einzugreifen und die vom normalen Funktionsablauf abgewichenen Organismusprozesse wieder ins Gleichgewicht zu bringen.

Im Ansatz der Neuraltherapie wird der Körper nicht als eine bloße Summe einzelner Organe betrachtet. Denn im ganzheitlichen und regulationsmedizinischen Ansatz sind neben dem störungsfreien Funktionieren der einzelnen Organe auch ihre gegenseitigen Beziehungen, die Energie des Körpers sowie der psychologische und soziale Zustand der Person von Bedeutung. Deshalb wird im Kern dieses Ansatzes das eigentliche Funktionieren des Bindegewebes, das die zentrale Achse bildet, und des vegetativen bzw. autonomen Nervensystems (VNS), das sämtliche Funktionen des Körpers reguliert, als Ganzes betrachtet, und darauf basierend wird die Diagnose gestellt und die Behandlung durchgeführt.

Die Neuraltherapie ist eine moderne Behandlungsmethode, mit der der Organismus als Ganzes reguliert wird. Deshalb berücksichtigt die Neuraltherapie nicht nur einzelne Symptome, sondern beobachtet vielmehr das gesamte „Funktionssystem“ des Körpers. Diese Sichtweise ordnet sie den natürlichen Behandlungsmethoden zu, doch aufgrund ihrer Behandlungsorientierung und ihrer wissenschaftlichen Grundlagen steht die Neuraltherapie zwischen der Naturheilkunde und der modernen westlichen Medizin.

In der Neuraltherapie verwendete Medikamente: Der Begriff Neuraltherapie bezeichnet eine Behandlungsform, bei der das körpereigene neurovegetative System genutzt wird. Anders ausgedrückt bedeutet Neuraltherapie die Behandlung verschiedener Erkrankungen, insbesondere von Schmerzen, mittels Lokalanästhetika über das zentrale und periphere vegetative Nervensystem.

Die Neuraltherapie ist eine Regulationsbehandlung. An bestimmten Punkten oder Bereichen des Körpers wird mit Lokalanästhetika ein Reiz gesetzt, auf den der Körper an dieser Stelle oder auch in höher gelegenen Abschnitten mit einer Reaktion antwortet. Diese Reaktion leitet uns sowohl bei der Diagnosestellung als auch bei der Behandlung.

Chronische Erkrankungen und Zustände, die auf Neuraltherapie ansprechen

  • Chronische Entzündungen der Mandeln und Nasennebenhöhlen, chronischer Schnupfen
  • Mittelohrentzündungen
  • Sehnenscheidenentzündungen
  • Neuralgien, Nervenentzündungen (Ischias)
  • Trigeminusneuralgie
  • Kopfschmerzen, Migräne, Spannungskopfschmerz und Clusterkopfschmerz
  • Wiederkehrende Reizblase, Blasenentzündung (Zystitis)
  • Augenentzündungen und andere Augenerkrankungen (Glaukom)
  • Chronische Hauterkrankungen (Ekzem, Dermatitis, Schuppenflechte usw.)
  • Durchfall, Verstopfung, Reizdarmsyndrom, Morbus Crohn, Colitis ulcerosa, Darmentzündungen, Gastritis, Magenschleimhautentzündung
  • Erkrankungen von Bauchspeicheldrüse, Leber und Gallenblase
  • Prostataerkrankungen
  • Funktionsstörungen der Schilddrüse (Über- und Unterfunktion)
  • Tinnitus, Gleichgewichtsstörungen und Schwindel
  • Schlafstörungen
  • Jede Art von akuten und chronischen Schmerzen, Narbenschmerzen, Kopfschmerzen, Migräne, wiederkehrende Schmerzen
  • Lumbago, Kreuzschmerzen, Rückenschmerzen
  • Nacken- und Rückenschmerzen sowie Bandscheibenvorfälle, die keinen chirurgischen Eingriff erfordern
  • Rheumatische Schmerzen, Arthrose
  • Bluterkrankungen
  • Kardial bedingte Brustschmerzen
  • Erkrankungen des Kreislaufsystems
  • Wetterfühligkeit
  • Erschöpfungszustände
  • Asthma
  • Pollenallergie und andere Allergien

Erkrankungen, für die eine Behandlung mit Neuraltherapie nicht geeignet ist

Als Beispiele für Erkrankungen, für die eine Behandlung mit Neuraltherapie nicht geeignet ist, lassen sich akute Herz-Kreislauf-Erkrankungen, schwere Infektionskrankheiten wie Tuberkulose oder AIDS, genetische Erkrankungen, Leberzirrhose sowie schwere, bewegungseinschränkende Arthrose nennen. Ebenso können schwere Depression, bipolare Störung, Schizophrenie und andere psychologische Probleme sowie Krebserkrankungen nicht mit Neuraltherapie geheilt werden. Allerdings kann auch bei diesen Erkrankungen ein Nutzen erzielt werden, indem chronifizierte Störfelder gefunden und beseitigt werden. Sogar Patienten mit einem Tumor können durch eine unterstützende Neuraltherapie-Behandlung über ein stärkeres Immunsystem im Kampf gegen den Tumor verfügen.

Wie lange dauert die Behandlung?

Die Dauer der Behandlung hängt von der Beschwerde und dem Zustand des Körpers des Patienten ab. Ist die Beschwerde erst kürzlich aufgetreten – handelt es sich also um ein akutes Geschehen –, können zwei oder drei Behandlungssitzungen ausreichend sein. Bei chronischen Problemen kann eine längere Behandlungsdauer erforderlich sein. Bei chronischen Rückenschmerzen unterschiedlicher Ursache, für die zuvor noch keine Behandlung in Anspruch genommen wurde, beträgt die durchschnittliche Behandlungsdauer etwa 5–6 Sitzungen. Diese durchschnittlichen Behandlungsdauern wurden im Rahmen zahlreicher fortgeschrittener Studien an der Universität Bern in der Schweiz und der Medizinischen Fakultät Gießen ermittelt. Diesen Studien zufolge sind die Behandlungsergebnisse der Neuraltherapie zudem besser als die vorheriger Behandlungen, während die Behandlungskosten niedriger sind.

Erfolgreich behandeln

Der menschliche Körper muss aus einer umfassenderen Perspektive betrachtet werden. Die morphologische Perspektive umfasst physische und chemische Parameter. Darüber hinaus muss auch die funktionelle Ganzheit und Perspektive mit einbezogen werden. Die hier gemeinte funktionelle Perspektive muss auch energetische und kybernetische Zustände beinhalten.

Die wesentliche Voraussetzung für den Behandlungserfolg ist die richtige Diagnosestellung. Der Diagnoseprozess muss individuell erfolgen, wobei der zeitliche Zusammenhang der bei der Person aufgetretenen Veränderungen sowie die funktionelle Struktur berücksichtigt werden müssen. In diesem Sinne ist die Neuraltherapie die Methode, die als Brücke zwischen der Regulationsmedizin und der modernen Medizin dienen kann. Die Neuraltherapie ist eine Behandlungsmethode, die ihren Ursprung in der modernen Medizin hat, sich eigenständig weiterentwickelt und eigene Verfahren geschaffen hat, und sie ist die wirksamste Behandlungsform zur Regulierung eines gestörten Nervensystems.

Dr. Hüseyin NAZLIKUL,  M.D.,  PhD.
IFMANT = Präsident der Internationalen Neuraltherapie-Föderation
Präsident der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Neuraltherapie und Regulationsmedizin 

Verwendete Quellen:

•    Nazlikul, H: Neuraltherapie Lehrbuch
•    Nazlikul, H: Neuraltherapie – Eine andere Behandlung ist möglich
•    H. Barops (Übersetzer H. Nazlikul) Neuraltherapie-Atlas 
•    L. Fischers  (Übersetzer H. Nazlikul und Y. Tamam) Neuraltherapie-Buch
•    Weinschenk, S: Neuraltherapie 
•    Fischer, L et al.: Lehrbuch Integrative Schmerztherapie