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Für das Verständnis von Neuraltherapie und Manueller Medizin ist das Verständnis des…

Dr. Hüseyin Nazlikul
Dr. Hüseyin Nazlikul 10.10.2021 8 min read
Für das Verständnis von Neuraltherapie und Manueller Medizin ist das Verständnis des Autonomen/Vegetativen Nervensystems unerlässlich Vegetatives Nervensystem = Anatomie und Funktion des Autonomen Nervensystems
Vegetatives Nervensystem = Anatomie und Funktion des Autonomen Nervensystems

Das vegetative Nervensystem (VNS), auch autonomes Nervensystem genannt, ist eine funktionelle Einheit. Es bringt sämtliche Organsysteme fortlaufend in Übereinstimmung mit den inneren und äußeren Gegebenheiten.

Die im Grundsystem des synonym verwendeten autonomen Nervensystems gelegenen freien Nervenendigungen gewährleisten als terminales Retikulum die wechselseitige Interaktion zwischen peripherem und zentralem Nervensystem.

Der Teil des Nervensystems, der die die inneren Organe betreffenden Funktionen des Körpers steuert, wird vegetatives bzw. autonomes Nervensystem genannt. Dieses System unterstützt die Steuerung des arteriellen Drucks, der Beweglichkeit (Motilität) und Sekretion des Verdauungssystems, der Blasenentleerung, der Schweißabsonderung, der Körpertemperatur und zahlreicher weiterer Vorgänge sowie vieler anderer Systeme, von denen manche vollständig, manche nur teilweise vom autonomen Nervensystem gesteuert werden.

Das vegetative, auch autonome Nervensystem genannt, ist eine funktionelle Einheit. Die beiden als Sympathikus und Parasympathikus bezeichneten Teile regulieren als zwei Kontrollsysteme in Form afferenter und efferenter Bahnen die Funktionen sämtlicher Organe.

Bei Stress oder starker körperlicher Belastung steigt der sympathische Tonus (Herzschlag und Atmung beschleunigen sich, das Schwitzen nimmt zu, die Darmbewegungen nehmen ab, das Wachheitsniveau steigt usw.).

Steigt der parasympathische Tonus, treten „gegensätzliche“ Wirkungen auf, und es kommt vor allem zu einer allgemeinen Regeneration, Erholung und Wiederherstellung.

Das Nervensystem des Darms besitzt eine besondere Anatomie, die als enterisches System bezeichnet wird. Auch dieses System wird vom Sympathikus und Parasympathikus gesteuert.

Das vegetative, auch autonome Nervensystem genannt, durchdringt mit sehr feinen Geflechten die das Bindegewebe enthaltende Grundsubstanz. Seine Hauptaufgabe besteht darin, die Erhaltung des inneren Milieus und die Abstimmung der Organfunktionen aufeinander zu gewährleisten.

Diese Aufgabe des vegetativen Nervensystems wird auch als Homöostase, Homödynamik oder Homöobalance bezeichnet und scheint nach kybernetischen Prinzipien der Ökonomie erfüllt zu werden.

Voraussetzung dafür ist, dass sämtliche Reize, denen der Körper sowohl von innen als auch von außen ausgesetzt ist, in einem kontinuierlichen Fluss von Information erfasst und verarbeitet werden. Sowohl die peripheren (Grundsystem) als auch die zentralen (Hypothalamus) Strukturen stehen mit dem Hormonsystem in Verbindung. Das heißt, der Körper beantwortet sämtliche Reize, denen er ausgesetzt ist, dank des vegetativen Nervensystems mit einer hormonellen Antwort.

Das vegetative, auch autonome Nervensystem genannt, verfügt über zahlreiche, durch vertikal angeordnete Rückkopplungsschleifen miteinander verbundene Integrationsstufen:

  • Der periphere Anteil des vegetativen Nervensystems (freie Nervenendigungen mit Grundsystem)
  • Peripher-spinale Stufe (segmental-reflektorischer Komplex)
  • Rhombomesenzephale Stufe (medulla oblongata, pons, formatio reticularis, tectum u. a.): Herz-Kreislauf-Funktionen, Aufmerksamkeit, Rhythmus, Gammamotorik u. a.).
  • Diencephale Stufe (Thalamus, Hypothalamus)
  • Kortikale Stufe (limbisches System, bei somatischen Erkrankungen auftretende psychische Phänomene u. a.).

Bei einem peripheren Reiz versucht zunächst die unterste Integrationsstufe (freie Nervenendigungen mit Grundsystem), diesen Reiz auszugleichen (zu kompensieren). Je länger die Reizeinwirkung dauert oder je intensiver sie ist, desto mehr wird die nächste Integrationsstufe aktiviert. Die Unterscheidung der verschiedenen Integrationsstufen erfolgt im Grunde aus didaktischen Gründen. 

Betrachtet man die Regulationseinheit als Ganzes, so verfügt die extrazelluläre Struktur-Matrix zwischen den einzelnen Schichten, allen voran das vegetative Nervensystem, über Informationen über sämtliche Teile des Gesamtsystems. Unser Körper besteht im Durchschnitt zu etwa 70 % aus Wasser. Das heißt, in diesem Wasser ist sämtliches Wissen enthalten.

ZENTRALES AUTONOMES SYSTEM

Die zentralen Kerngebiete des sympathischen und des parasympathischen Nervensystems liegen in unterschiedlichen Regionen. Die sympathischen Kerne sind thorakolumbal, die parasympathischen Kerne kraniosakral lokalisiert.

Die thorakolumbalen sympathischen und die sakralen parasympathischen Kerne liegen in den Seitenhörnern des Rückenmarks. Die parasympathischen Kerne im Hirnstamm sind der Edinger-Westphal-Kern, die nuclei salivatorii und der dorsale Vaguskern.

PERIPHERES AUTONOMES SYSTEM – SYMPATHISCHES SYSTEM

Die zur weißen Substanz gehörenden präganglionären Fasern verlaufen von den Seitenhörnern entlang der Vorderwurzel über den r. communicans albus nach vorne zum truncus sympathicus. In den Ganglien dieses Systems (paravertebrale Ganglien) werden die Fasern zum großen Teil umgeschaltet. Die umgeschalteten Fasern sind marklos. Auch die im r. communicans griseus zum Spinalnerv zurückkehrenden Nervenfasern sind marklos („grau“).

Die paravertebralen Ganglien des Grenzstrangs sind im Thorakalabschnitt regelmäßig aufgereiht. Im thorakalen Bereich gibt es 10–11 Ganglien, im lumbalen und sakralen Bereich jeweils 4 Ganglien.  Den distalen Abschluss bildet das in Höhe der Mitte des Steißbeins gelegene ganglion impar.

Im Hals-, also im zervikalen Bereich gibt es 3 paravertebrale sympathische Ganglien:

  • Ganglion cervicale superius,
  • Ganglion cervicale medius (variabel)
  • Ganglion cervicale inferius. Das unterste zervikale Ganglion ist meist mit dem obersten thorakalen Ganglion, dem ganglion stellatum, verschmolzen.

Entlang der Grenzstrangganglien (paravertebrale Ganglien) verlaufen, unter deren größten Mitgliedern, die Fasern der vor und seitlich von Wirbelsäule und Bauchaorta gelegenen prävertebralen Ganglien (z. B. ganglion coeliacum). Diese prävertebralen Ganglien liegen innerhalb eines großen, auch parasympathische Fasern enthaltenden Nervengeflechts.

Die sympathischen Nervenäste verlaufen im Kopfbereich vor allem entlang der Arterien (kranial vom Ganglion cervicale superius). Überall, wo es ein arterielles und kapilläres System gibt, ist auch das sympathische Nervensystem vorhanden. Das heißt, das sympathische Nervensystem ist das System, das die Sauerstoffversorgung und Durchblutung unseres Körpers reguliert. Im zervikalen sympathischen Nervensystem gibt es keinen r. communicans albus. Dagegen findet sich im Halsbereich der R. communicans griseus, der Verbindungen zu den rr. spinales-Ästen des zervikalen Rückenmarks sowie zu zahlreichen Hirnnerven besitzt (n. hypoglossus, n. glossopharyngeus, n. vagus, n. laryngeus superior und inferior).

PARASYMPATHISCHES NERVENSYSTEM

Im Gegensatz zum sympathischen Nervensystem liegen die Umschaltpunkte (Ganglien) des parasympathischen Nervensystems in der Nähe der Organe, teils sogar innerhalb von ihnen (intramural).

Kraniales parasympathisches Nervensystem Die Fasern des kranialen parasympathischen Nervensystems verlaufen innerhalb verschiedener Hirnnerven zu den Ganglien im Kopfbereich (Ganglion ciliare, pterygopalatinum, oticum, submandibulare). In diesen Ganglien werden die parasympathischen Fasern umgeschaltet. Sympathische sowie autonom-sensible und somato-sensible Fasern ziehen ohne Umschaltung an diesen Ganglien vorbei.

Sakrales parasympathisches Nervensystem Die Axone der sakralen parasympathischen Fasern verlaufen entlang der ventralen Wurzeln. Sie treten mit der Cauda equina aus den foramina sacralia aus und ziehen zum n. pudendus. Von dort treten sie als Nn. splanchnici pelvini in den prävertebralen Plexus ein (Plexus hypogastricus superior und inferior, Plexus vesicoprostaticus und plexus uterovaginalis). In diesen Plexus finden sich auch sympathische Nervenfasern.

DIE LETZTE AUSBREITUNGSSTUFE DES VEGETATIVEN AUTONOMEN NERVENSYSTEMS

Die Nervenfasern enden nicht direkt in den Parenchymzellen der Organe, sondern im Grundsystem. In der Peripherie gibt es keine klar definierte autonome Nervenendigung. Vielmehr existiert das von Zypen, Stöhr und Reiser beschriebene terminale Retikulum, ein endloses, feines, neurofibrilläres Netzwerk.

Dieses terminale Retikulum erscheint fast ohne jeden Übergang in das Grundsystem integriert. Nach van der Zypen kann „an jeder Stelle des autonomen Netzwerks plötzlich die Weiterleitung eines Reizes auftreten“. Da das Grundsystem und das sympathische Nervensystem überall vorhanden sind, kann dieser Reiz überallhin gelangen, einschließlich sämtlicher segmentaler Ordnungen.

Diese weitreichende Reizübertragung ist für das Phänomen des Störfelds in der Neuraltherapie von Bedeutung.

KURZ ZUSAMMENGEFASST:

  • Das autonome Nervensystem ist eine funktionelle Einheit. Es bringt sämtliche Organsysteme fortlaufend in Übereinstimmung mit den inneren und äußeren Gegebenheiten.
  • Die im Grundsystem des autonomen Nervensystems gelegenen freien Nervenendigungen gewährleisten als terminales Retikulum die wechselseitige Interaktion zwischen peripherem und zentralem Nervensystem.

DYSFUNKTIONEN, DIE DURCH EINE STÖRUNG DER FUNKTIONEN DES VEGETATIVEN NERVENSYSTEMS ENTSTEHEN:

  • Reizüberflutung und -intensität infolge Überschreitung der Toleranzgrenze
  • Störung des Informationsflusses, Fehlbeurteilung, kurz gesagt Störung der Information 
  • Störung der Durchblutung, also der Perfusion, von Geweben und Organen (die Grundlage chronischer Erkrankungen und der Degeneration liegt in der Perfusionsstörung)
  • Störung der Lymphzirkulation
  • Störung der Organstruktur
  • Gewebe- und Organdegeneration/Entzündung

Prof. Dr. Gustav Ricker hat aus dieser Perspektive die Pathogenese der Perfusion wie folgt erklärt:

  • Die Pathogenese von Erkrankungen mit demselben klinischen Erscheinungsbild ist unterschiedlich (Relationspathogenese).
  • Erkrankungen entstehen auf unspezifischer neurogener Grundlage (Störung der Perfusion).
  • Die Spezifität der Erkrankungen (das Krankheitsbild) hängt davon ab, welchen Zustand die Perfusionsstörung auf der jeweiligen Struktur hervorruft. 

Ricker hat die Bedeutung des VNS und seine Verantwortung für die Homöostase des Körpers unter folgenden Unterpunkten beschrieben:

  • Das VNS durchzieht in Form eines sehr fein gewebten Netzes die Grundsubstanz, mit anderen Worten das Grundsystem.
  • Seine eigentliche Aufgabe ist die Erhaltung der Konstanz des Milieus und die Koordination der Organfunktionen.
  • Wichtig ist dabei die fortlaufende Sammlung von Information und deren Verarbeitung.
  • Das Hormonsystem befindet sich sowohl in der Peripherie (Grundsystem) als auch zentral (Hypothalamus).

​Rickers Definition, wonach die eigentliche Aufgabe des VNS die Erhaltung des Milieus und die Koordination der Organfunktionen sei, wurde später von Pischinger und Heine weiter ausgearbeitet.

Pischinger und Heine beschrieben die im Bindegewebe im Transitraum stattfindenden Vorgänge und Reaktionen als Erhaltung der Konstanz des Milieus und des Gleichgewichts. Die Einzelheiten der in diesem Raum ablaufenden Reaktionen wurden von Pischinger und Heine noch umfassender ausgearbeitet.

Verwendete Quellen:

  1. Nazlikul, H: Neuraltherapie-Lehrbuch 
  2. Nazlikul, H: Neuraltherapie – Eine andere Behandlung ist möglich
  3. H. Barops (Übersetzer H. Nazlikul) Neuraltherapie-Atlas 
  4. L. Fischers  (Übersetzer H. Nazlikul und Y. Tamam) Neuraltherapie-Buch
  5. James W. NcNabb (Übersetzer H. Nazlikul und Y. Tamam) Gelenk- und Weichteilinjektionen
  6. Weinschenk, S: Neuraltherapie 
  7. Fischer, L et al.: Lehrbuch Integrative Schmerztherapie
  8. Nazlikul, H: Dissertation (Doktor medicinae) im Rahmen des postgradualen Universitätslehrganges für Ganzheitsmedizin –Regulationsmedizin „Neuraltherapie Naturheilverfahren, Regulationsverfahren und Herdgeschehen“ von PD. Dr. med. Hüseyin Nazlikul 2010 Die Medizinische Fakultät Charité.
  9. Nazlıkul, H.: Thorakale Wirbelblockaden erfolgreich therapieren S34-38, 1, 2/2008 für Allgemeinärzte
  10. Nazlıkul H, Babacan A. Nöralterapi ve enjeksiyonlardaki rolü. Babacan A, editör. Ağrı ve Enjeksiyonlar. 1. Baskı. Ankara: Türkiye Klinikleri; 2019. p.110-7.
  11. Reuter URM, Oettmeier R and Nazlikul H (2017) Procaine and Procaine-Base-Infusion: A Review of the Safety and Fields of Application after Twenty Years of Use.
  12. Herget, F, H, Nazlikul, H: "Neurophysiologie und Neuropharmakologie der Schmerzmatrix" S. 56 ff
  13. J. Cassuto et al.;Antiinflammatory properties of local anesthetics and their present and potential clinical implications; Acta Anaesth Scand 2006 ;50:265-82
  14. M.W.Hollman et al; Local Anesthetic effects on priming and activation of human neytrophils; Anesthesiology 2001:95:113-22
  15. Barop, H.: Lehrbuch Neuralthererapi, Haug Verlag 1996
  16. Barop, H.: Lehrbuch Neuralthererapi, 2. Überarbeitet Auflage Haug Verlag 2015
  17. Fischer, L: Neuraltherapie nach Huneke 2004 HD
  18. Weinschnek, S: Handbuch Neuraltherapie – Thime Verlag 2020