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Neuraltherapie bei der peripheren Fazialisparese Die durch eine periphere Läsion des N. facialis,…

Dr. Hüseyin Nazlikul
Dr. Hüseyin Nazlikul 28.11.2021 5 min read
Neuraltherapie bei der peripheren Fazialisparese Die durch eine periphere Läsion des N. facialis, des VII. Hirnnervenpaares, entstehende periphere Fazialisparese verläuft überwiegend gutartig.
Die durch eine periphere Läsion des N. facialis, des VII. Hirnnervenpaares, entstehende periphere Fazialisparese verläuft überwiegend gutartig.

Die durch eine periphere Läsion des N. facialis, des VII. Hirnnervenpaares, entstehende periphere Fazialisparese verläuft überwiegend gutartig, ist aber, da sie das äußere Erscheinungsbild beeinträchtigt, ein aufsehenerregendes Krankheitsbild, das die Patientinnen und Patienten in großer Eile und Not zum Arzt eilen lässt. In Fällen, in denen ein Residuum verbleibt, führt sie besonders bei jungen Patientinnen und Patienten zu schweren psychischen Belastungen. Deshalb kommt der Behandlung große Bedeutung zu.
Hüseyin NAZLIKUL

KLINISCHE BEFUNDE

Bei peripherer Läsion des Nervus facialis kommt es zu einer einseitigen Gesichtslähmung. Es treten Paresen der Gesichtsmuskulatur, Hyperakusis (übermäßig lautes Hören), verminderte Tränen- und Speichelsekretion sowie eine verminderte Geschmacksempfindung im vorderen 2/3 der Zunge auf. Die letztgenannten drei Funktionen werden von dem Abschnitt des Nervus facialis übernommen, der bis zum Ganglion geniculi reicht, in dem auch der Ast N. intermedius enthalten ist.  Bei einer vollständig ausgeprägten Fazialisparese sind alle 3 Äste gleichermaßen betroffen, und die Augenlider schließen sich nicht vollständig. Bei der zentralen Form der Fazialisparese hingegen schließt sich das Auge, da die Stirnmuskulatur nicht betroffen ist, weil zum Bereich um Auge und Stirn auch Fasern von der Gegenseite gelangen. Bei der Untersuchung der motorischen Funktionen wird die Patientin/der Patient aufgefordert, die Augenbrauen zu heben, die Augen zu schließen, die Nase zu rümpfen, die Zähne zu zeigen, zu lächeln und die Wangen aufzublasen.

KRYPTOGENE PERIPHERE FAZIALISPARESE

Fälle peripherer Fazialisparese, für die keine Ursache gefunden wird, werden als kryptogen bezeichnet. Die kryptogene periphere Fazialisparese ist die häufigste Form der peripheren Fazialisparese.

EPIDEMIOLOGIE UND HÄUFIGKEIT

Sie macht ¾ aller peripheren Läsionen des Nervus facialis aus, die Inzidenz liegt bei etwa 25 pro 100.000 pro Jahr. Sie tritt bei beiden Geschlechtern gleich häufig auf.  Sie tritt überwiegend im Erwachsenenalter auf.

PATHOGENESE

Die Mehrheit vertritt die Auffassung, dass es sich hierbei um eine kraniale Neuritis handelt. Manche Forscher behaupten hingegen, dass es sich um eine Virusinfektion handelt. Als Ursache wird dabei das Herpes-simplex-Virus angeführt. Zudem tritt sie bei Ischämien im Fazialiskanal (Canalis Fallopii) und bei Diabetikerinnen und Diabetikern häufiger auf.  Mit zunehmendem Alter tritt sie häufiger auf. Es wurde gezeigt, dass sie bei Personen mit arterieller Hypertonie häufiger auftritt. Es konnte gezeigt werden, dass das durch die intraoperative Reizung des Nervs im Innenohr entstehende Ödem vom Kanaleingang des Nervus facialis bis zum proximalen Teil des Ganglion geniculi zu einem Leitungsblock führt.   Das heißt, bei der Fazialisparese entsteht infolge eines Ödems im Kanal ein Leitungsblock.

KLINISCHER VERLAUF

Einige Tage vor Krankheitsbeginn klagen die Patientinnen und Patienten über Schmerzen hinter dem Ohr und auf der betroffenen Halsseite, worauf anschließend eine einseitige Gesichtslähmung entsteht.  Ein eindeutiger auslösender Grund lässt sich nicht finden. Der Schweregrad der Lähmung ist unterschiedlich.  Aufgrund der motorischen Parese läuft den Patientinnen und Patienten beim Essen Speichel aus dem Mund. Die übrigen Befunde wurden oben beschrieben. In etwa 90 % der Fälle kommt es innerhalb von 4–6 Wochen zu einer vollständigen Rückbildung. Bei nicht vollständig rückgebildeten Fällen zeigt sich innerhalb von 3–6 Monaten eine deutliche Besserung. In 5–8 % der Fälle bleibt jedoch ein schweres Residuum zurück. Diese schwer zu behandelnden Fälle betreffen überwiegend ältere Patientinnen und Patienten, solche mit anfänglich vollständiger Paralyse sowie solche, bei denen elektrophysiologisch eine schwere axonale Schädigung nachgewiesen wird.

Höheres Alter, Hyperakusis, verminderte Geschmacksempfindung, schwere Paralyse und elektrophysiologische Befunde mit schwerer Denervierung sind Zeichen, die auf einen ungünstigen Verlauf hinweisen.  Bei schweren Fällen treten als Residualbefunde in der Spätphase eine in Ruhe sichtbare Kontraktur der Gesichtsmuskulatur sowie eine durch Fehlinnervation bedingte synkinetische Innervation auf. Das heißt, die Patientin/der Patient schließt beim Zeigen der Zähne fest das Augenlid, oder beim Aufblasen der Wange auf der paretischen Seite schließen sich die Augen fest. Selten tritt das sogenannte Krokodilstränen-Phänomen auf, bei dem beim Essen Tränen fließen.

WEITERE URSACHEN DER GESICHTSLÄHMUNG

  • Schädeltraumata

  • Schädelbasisfrakturen

  • Vaskulitiden

  • Granulomatöse Erkrankungen

  • Melkersson-Rosenthal-Syndrom

  • Enzephalitiden

  • Mono- und Polyneuropathien

  • Mittelohrentzündung

  • Herpes-Infektion

  • Postinfektiöse Gesichtslähmung

  • Guillain-Barré-Syndrom

  • Borrelien-Infektion

  • Basale Meningitiden

  • Tumorinfiltrationen

  • Iatrogene Ursachen nach chirurgischen Eingriffen

  • Sonstige

KLASSISCHE BEHANDLUNG

Bei der Behandlung der kryptogenen Fazialisparese werden Kortison und eine antivirale Therapie eingesetzt. Die Wirkung dieser Behandlungen ist jedoch umstritten. Zwischen Personen, die Kortison einnehmen, und solchen, die es nicht einnehmen, wurde kein statistisch signifikanter Unterschied festgestellt. Bei Patientinnen und Patienten, deren Auge sich nicht schließt, muss das Auge unbedingt verschlossen werden, da sich sonst eine Keratitis entwickeln kann, und es sollten künstliche Tränenflüssigkeit sowie prophylaktisch ein Antibiotikum gegeben werden.

Bei einer Gesichtslähmung, die durch andere Ursachen entsteht, muss eine ursachengerichtete Behandlung erfolgen.
 

NEURALTHERAPIE ALS LÖSUNGSORIENTIERTE BEHANDLUNG


Beim neuraltherapeutischen Ansatz ist besonders im Hinblick auf das Auftreten der Fazialisparese eine ausführliche Anamnese sehr wichtig. Der Zeitpunkt des Auftretens des Problems sowie das Vorliegen einer Erkrankung oder klimatischer bzw. psychologischer Veränderungen müssen sorgfältig abgefragt werden.

Nach einer umfassenden körperlichen Untersuchung muss die Anamnese eingehend erneut abgefragt werden. In diesem Zusammenhang ist die Untersuchung der Adler-Punkte sehr wichtig.

Frühere Erkrankungen, chirurgische Eingriffe, der Zustand des Darms und die psychische Verfassung der Person müssen beurteilt werden.

Der Ansatz muss zunächst lokal erfolgen. Die Innervationsorte der auf der betroffenen Seite gelähmten Muskeln werden lokal stimuliert.

Der lokalen Anwendung folgt der segmentale Therapieansatz.

Segmentale Behandlung

Zervikale Quaddeln C1–C7.

Die enge Nachbarschaftsbeziehung des Kiefergelenkbereichs zur Parotis muss beurteilt und berücksichtigt werden.

Ganglion-Injektion

STÖRFELDBEHANDLUNG

In Fällen, in denen keine Lösung erzielt werden kann, muss eine eingehende Suche nach Störfeldern begonnen werden. Unter erneuter Berücksichtigung des zeitlichen Zusammenhangs in der Anamnese müssen vor allem in der Kindheit durchgemachte Erkrankungen, Operationen, das Wohnumfeld, das Arbeitsumfeld, eingenommene Medikamente sowie der Zustand des Immunsystems untersucht werden.

Wenn auf die oben genannten Behandlungen kein Ansprechen erfolgt, wird zur Störfeldbehandlung übergegangen.

Verwendete Quellen:

•    Nazlikul, H: Neuraltherapie-Lehrbuch 
•    Nazlikul, H: Neuraltherapie – Eine andere Behandlung ist möglich
•    H. Barops (Übersetzer H. Nazlikul) Neuraltherapie-Atlas 
•    L. Fischers  (Übersetzer H. Nazlikul und Y. Tamam) Neuraltherapie-Buch
•    James W. NcNabb (Übersetzer H. Nazlikul und Y. Tamam) Gelenk- und Weichteilinjektionen
•    Weinschenk, S: Neuraltherapie 
•    Fischer, L et al.: Lehrbuch Integrative Schmerztherapie