Welchen Stellenwert haben Neuraltherapie, Regulationsmedizin und Komplementärmedizin in der Türkei?…

Die Bedeutung der Regulationsmedizin, auch als komplementärmedizinische Verfahren bezeichnet, hat weltweit zugenommen. Vor allem eine bewusste Patientengruppe sowie Menschen mit höherem soziokulturellem Niveau, die sich diesen Methoden zuwenden, treiben diese Entwicklung voran.
Parallel dazu wächst das Interesse junger Ärzte an der Komplementärmedizin von Tag zu Tag. Dieser Trend zeigt sich vor allem in Europa, wo nach und nach Lehrstühle für Komplementärmedizin eingerichtet werden. Auch in unserem Land hat die Komplementärmedizin durch GETAT (Traditionelle und Komplementärmedizinische Anwendungen) an Fahrt gewonnen, hat jedoch den ihr gebührenden Stellenwert noch nicht erreicht.
In der Komplementärmedizin wird die Krankheit gemeinsam mit den sie verursachenden genetischen, sozialen, umweltbedingten und beruflichen Faktoren sowie mit den weiteren organischen und funktionellen Veränderungen, die durch die Störung des betroffenen Organs entstehen, und den daraus resultierenden psychologischen und seelischen Veränderungen betrachtet.
Die moderne Medizin hat sich in den letzten Jahren zunehmend auf die körperliche Seite des Menschen konzentriert. Die Aufgaben der Medizin sind vielfältiger und intensiver geworden. Die moderne Medizin hat begonnen, sich nicht mehr ausreichend mit den auf die soziale, seelische und körperliche Einheit des Menschen ausgerichteten Bedürfnissen zu befassen.
Manche Patienten wurden von der modernen Medizin mit den Worten „Wir können nichts mehr für Sie tun“ in die Hilflosigkeit nach Hause geschickt. All dies hat dazu geführt, dass sich Patienten wieder verstärkt der Komplementärmedizin zuwenden, die ihnen bei der Lösungsfindung hilft. Wir sind der Ansicht, dass der Bedarf der modernen Medizin an der Komplementärmedizin vor allem im Bereich der Zusammenarbeit liegen wird.
Heute gilt in der modernen Medizin jener Arzt als „guter Arzt“ und jenes Krankenhaus als „gutes Krankenhaus“, in dem der Arzt dem Patienten die geplante Operation detailliert erklärt, die vorgesehene Behandlung mit ihm bespricht und ihn über die Nebenwirkungen der verordneten Medikamente aufklärt. Die Komplementärmedizin nimmt sich Zeit für die Menschen, spricht mit ihnen, berührt sie und hört ihnen zu. Sie bewahrt den Menschen davor, wie ein Objekt behandelt zu werden, und unterstreicht seine Bedeutung als Individuum.
In der modernen Medizin wird der Patient beispielsweise chirurgisch behandelt und erhält Medikamente. Eine seelische Bewertung findet dabei jedoch nicht statt. Die Komplementärmedizin hingegen agiert mit einem ganzheitlichen, seelischen und motivationalen Blickwinkel – mit Methoden wie Neuraltherapie, Massage, Akupunktur, Phytotherapie, Ernährung, Gespräch, Musik, Duft und Klang –, die den Menschen zum Menschen machen und glücklich stimmen. Sie kann die physiologischen Heilungsmechanismen des Körpers beschleunigen und ein Gefühl des Wohlbefindens vermitteln. Dies zeigt eigentlich, wie schwer sich die moderne Medizin damit tut, die natürlichsten Erwartungen des Patienten zu erfüllen.
Heute wird in der Komplementärmedizin darum gerungen, den Menschen wieder mit einem ganzheitlichen Blickwinkel zu betrachten.
Ein Grund für die große Beliebtheit der Komplementärmedizin ist auch eine Reaktion darauf, dass die Medizin zu einer Industrie geworden ist. Denn die moderne Medizin betrachtet den Menschen wie ein Industrieprodukt. Das heißt, der kranke Mensch betritt das Krankenhaus als Rohstoff und verlässt es nach der Behandlung als fertiges Produkt.
In diesen Produktionsprozessen wird das Menschsein nicht ausreichend in den Vordergrund gestellt. Nachdem der Patient nach Hause geschickt wurde, kümmert man sich häufig gar nicht mehr um ihn. Dieses Defizit versucht die Alternativ- bzw. Komplementärmedizin auszugleichen.
Die Komplementärmedizin sagt: „Wir sind auch bei Ihnen zu Hause, wir sind an Ihrer Seite. Wenn Sie ratlos sind, kommen Sie zu uns. Wir hören Ihnen zu. Wir zeigen Ihnen einen Weg aus der Natur“ – und das ist ein richtiger Ansatz. Denn in der Natur liegt die Lösung.
Zudem treibt die zunehmende Angst der Menschen vor der Verschmutzung der Umwelt und des natürlichen Lebensraums, dem immer stärkeren Einsatz giftiger Chemikalien sowie den Nebenwirkungen von Medikamenten viele in Richtung der Komplementärmedizin.
Mit dem steigenden Lebensstandard weltweit entstehen bei der Produktion auch bestimmte schädliche und gefährliche Stoffe. Dies führt zu gefährlichen Situationen für die Umwelt und die menschliche Gesundheit.
Eigentlich ist dies das Ergebnis eines natürlichen Prozesses. Früher wollten die Menschen, dass alles mechanisiert wird. Dann bemerkten sie, dass sie dadurch unglücklicher wurden. Vielleicht verdienen sie mehr Geld und leben komfortabler, aber sie sind nicht glücklich.
Heute stellen sich Menschen zunehmend Fragen wie „Warum nehme ich Medikamente?“, „Ich möchte kein chemisches Medikament einnehmen, um mein Fieber zu senken und die Infektion zu heilen…“ oder sogar „Wenn möglich, möchte ich lieber auf natürliche vorbeugende Methoden zurückgreifen, um mich gar nicht erst zu infizieren…“. Diese Fragen haben den Bedarf an Komplementärmedizin sichtbar gemacht. Denn die moderne Medizin hatte aufgehört, sich mit der Natur zu befassen. In den letzten 50 Jahren hatte sich die moderne Medizin den von der Industrie hervorgebrachten, gewinnträchtigeren, unnatürlichen Methoden zugewandt.
Wir sind der Ansicht, dass hinter der unzureichenden Wertschätzung der Komplementärmedizin in unserem Land der Kampf der Pharmaindustrie um Marktanteile und Profite steckt. Heute stehen sich Komplementärmedizin und moderne Medizin wie zwei gegensätzliche Pole gegenüber. Dabei sollten beide sich gegenseitig ergänzen und gemeinsam handeln. Im Lichte der Wissenschaft ist es notwendig, die Komplementärmedizin dort zu nutzen, wo die moderne Medizin keine Zeit findet oder sich nicht ausreichend kümmern kann. Bei langwierigen und nicht heilbaren chronischen Erkrankungen ist es möglich, mit den menschlicheren Methoden der Komplementärmedizin zu profitieren.
Besonders in Bereichen wie der Verbesserung des Umfelds, der Vermittlung von Wohlbefinden, dem Gefühl, sich gut zu fühlen – also jenseits der körperlichen Gesundheit, in Fragen, die die innere Welt betreffen – kann die Komplementärmedizin dem Patienten helfen. Es spricht nichts dagegen, die Medikamente der modernen Medizin neben die Behandlungsmittel der Komplementärmedizin zu stellen.
Dr. Hüseyin NAZLIKUL
IFMANT = Präsident der Internationalen Neuraltherapie-Föderation
Präsident der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Neuraltherapie und Regulationsmedizin
Verwendete Quellen:
• Nazlikul, H: Neuraltherapie-Lehrbuch
• Nazlikul, H: Neuraltherapie – Eine andere Behandlung ist möglich
• H. Barop (Übersetzer H. Nazlikul), Neuraltherapie-Atlas
• L. Fischer (Übersetzer H. Nazlikul und Y. Tamam), Neuraltherapie-Buch
• James W. NcNabb (Übersetzer H. Nazlikul und Y. Tamam), Gelenk- und Weichteilinjektionen
• Weinschenk, S: Neuraltherapie
• Fischer, L et al: Lehrbuch Integrative Schmerztherapie