Störfeld – Die Quelle des therapieresistenten Problems Diagnostik des Störfelds in der Neuraltherapie

Der diagnostische Prozess des Störfelds bedeutet, dass zunächst in den vermuteten Bereich eine Infiltration mit Lokalanästhetikum durchgeführt und die klinische Reaktion abgewartet wird. Da diese Reaktion in der Regel innerhalb weniger Sekunden eintritt, wurde sie von Huneke als „Sekundenphänomen“ bezeichnet.
Das vollständige Verschwinden der durch das Störfeld ausgelösten oder unterhaltenen Erkrankung für mindestens 20 Stunden nach der ersten Behandlung sowie das Verschwinden der Symptome für eine unbestimmte Zeit nach jeder weiteren Behandlung belegen das Vorliegen eines Störfelds.
Um Störfelder im Bereich des Zahn-Kiefer-Bereichs nachzuweisen, ist es Voraussetzung, dass eine Beschwerde an den Zähnen für mindestens acht Stunden vollständig behoben wird. Grundlage des diagnostischen Prozesses für das Störfeld ist meist die Segmentdiagnostik, die ohne jegliche Veränderung des klinischen Bildes durchgeführt wird. Nach ein bis zwei Behandlungssitzungen lässt sich diese Beurteilung vornehmen.
Für die Störfelddiagnostik ist es notwendig, in den vermuteten Störfeldbereich – zum Beispiel jede Art von Narbe – eine Infiltration vorzunehmen oder, falls eine Infiltration des unter Störfeldverdacht stehenden Gewebes bzw. des Organs selbst nicht möglich ist (zum Beispiel Nasennebenhöhlen, Leber, Niere, Bauchspeicheldrüse), eine Injektion des Lokalanästhetikums in die zugehörigen vegetativen Ganglien, Nerven und Gefäßstrukturen vorzunehmen.
DER DIAGNOSTISCHE PROZESS DES STÖRFELDS IN DER NEURALTHERAPIE
Die Reihenfolge, in der nach Störfeldern gesucht wird, variiert von Person zu Person und beruht auf der klinischen Erfahrung Hunekes mit Störfeldern seit 1940. Ziel ist es, die Zahl der wirkungslosen Injektionen möglichst gering zu halten und dabei das die Erkrankung verursachende Störfeld zu identifizieren.
Wie von Dosch empfohlen, kann die schwerste Erkrankung oder Verletzung außerhalb des zu behandelnden Zustands der Schlüssel zu einem bedeutsamen Störfeld sein. Sind die an allen anamnestisch ermittelten möglichen Störfeldern durchgeführten Tests erfolglos geblieben, kann die Störfeldtestung allein auf Basis der Erfahrung und unabhängig von der Anamnese fortgesetzt werden. Da Störfelder besonders häufig im Bereich von Gesicht-Schädel, Mund, Nase-Rachen, Bauchraum und inneren Organen sowie im kleinen Becken auftreten, sollte der diagnostische Prozess des Störfelds auch dann fortgesetzt werden, wenn die Anamnese keine entsprechenden Hinweise liefert und nur vage lokale Befunde vorliegen. Die Kontrolle der zu behandelnden Symptome und die sorgfältige Dokumentation einer eingetretenen Veränderung sind für den angestrebten Erfolg von großer Bedeutung.
DIE STÖRFELDBEHANDLUNG IN DER NEURALTHERAPIE
Für die Störfeldbehandlung muss das Störfeld sicher identifiziert werden. Mit anderen Worten muss sich das Sekundenphänomen reproduzierbar auslösen lassen. Die Therapie wird als Fortsetzung der zuvor zur Störfelddiagnostik verwendeten Injektionen durchgeführt. Häufigkeit und Dauer der Störfeldbehandlung sind von Person zu Person unterschiedlich und hängen von der beschwerdefreien Zeit ab. Deshalb lässt sich, was für die Patientin/den Patienten oft von großem Interesse ist, die Anzahl der für jedes klinische Bild notwendigen Behandlungen häufig erst am Ende der Behandlung feststellen. Die Injektionstechnik zur Störfelddiagnostik und -behandlung entspricht der für die Segmentdiagnostik und -behandlung verwendeten Technik. Während der Störfeldbehandlung kann es vorkommen, dass trotz wiederholter Injektionen über unterschiedliche Zeiträume kein Erfolg erzielt und das Störfeld nicht dauerhaft neutralisiert werden kann. In diesem Fall kann nach einem weiteren, dem Problem zugrunde liegenden Störfeld gesucht werden.
DIE GRUNDZÜGE DER STÖRFELDDIAGNOSTIK UND STÖRFELDBEHANDLUNG IN DER NEURALTHERAPIE
- Jede chronische Erkrankung kann durch ein Störfeld ausgelöst und unterhalten werden.
- Jede Erkrankung oder Verletzung kann ein Störfeld hinterlassen. Dies gilt insbesondere für lang andauernde Erkrankungen oder solche mit kompliziertem Verlauf.
- Jede durch ein Störfeld ausgelöste Erkrankung kann nur durch die Beseitigung der störenden Wirkung des Störfelds behandelt werden.
- Der Nachweis eines Störfelds ist nur durch das Sekundenphänomen (Huneke) möglich. Der Zusammenhang zwischen dem Störfeld und der mit ihm verbundenen Erkrankung ist reproduzierbar.
DIE AM HÄUFIGSTEN AUFTRETENDEN STÖRFELDER
Nach jahrzehntelanger Erfahrung im Bereich der Neuraltherapie hat sich gezeigt, dass sich etwa 70–80 % der Störfelder im Oropharynx und in den Nasennebenhöhlen befinden.
Die naheliegendste Erklärung für diese Häufung ist, dass das sympathische und parasympathische Nervensystem sowie die Hirnnerven und ihre Verbindungen zum somatischen Nervensystem diesen Bereich sehr dicht innervieren.
Die übrigen Störfelder (20–30 %) finden sich in Narben, im kleinen Becken, im Abdomen und in den übrigen Bereichen des Organismus. Neben der Untersuchung der Mundhöhle ist auch die Auswertung von Röntgenaufnahmen erforderlich.
Die Panoramaröntgenaufnahme sowie, falls vorhanden, Einzelaufnahmen der Zähne sind für die Störfelddiagnostik von entscheidender Bedeutung.
NEURALTHERAPEUTISCHE PHÄNOMENE UND REAKTIONSTYPEN
Die Beurteilung der nach der Neuraltherapie erhaltenen Antwort bestimmt den weiteren therapeutischen Verlauf. Um die Behandlungsmöglichkeit einer Erkrankung vollständig einschätzen zu können, ist es deshalb wichtig, die folgenden Reaktionstypen systematisch zu klassifizieren.
SEGMENTPHÄNOMEN
Dieses Phänomen war die erste, vor 100 Jahren beobachtete neuraltherapeutische Reaktion und ebnete den Weg für den Einsatz von Lokalanästhesie zu therapeutischen Zwecken. Die wiederholte Infiltration mit Lokalanästhetikum an schmerzhaften Stellen oder Druckpunkten führte zu einer Besserung oder sogar zum vollständigen Verschwinden der Symptome. Allein aus dieser Beobachtung (Schleich, Spieß, Leriche, Huneke) entwickelte sich das Konzept der Segmenttherapie.
REAKTIONSPHÄNOMEN
Das Reaktionsphänomen stellt eine besondere Form der Reaktionen im Rahmen des Segmentdiagnoseprozesses dar. Es äußert sich darin, dass sich die anvisierten Symptome innerhalb von 1–3 Tagen nach der neuraltherapeutischen Segmentbehandlung verschlechtern.
Nach dieser Verschlechterung kehren die Symptome zum Ausgangsniveau zurück. Das Reaktionsphänomen ist im Rahmen der segmentalen Diagnostik der deutlichste Hinweis auf das Vorliegen eines Störfelds.
Mit anderen Worten muss das Reaktionsphänomen mit dem diagnostischen Prozess des Störfelds in Verbindung gebracht werden; andernfalls führt die Fortsetzung der Segmentbehandlung zum Misserfolg.
RETROGRADES PHÄNOMEN
Während der Segmentbehandlung können zuvor nicht vorhandene Symptome, Schmerzen an anderer Stelle, entzündliche Reaktionen oder Funktionsstörungen von Organen auftreten. Dieser Zustand wird als „Meldung“ des für die Erkrankung verantwortlichen Störfelds gewertet. Dieser Zusammenhang wird durch die Infiltration des Störfelds und die damit einhergehende Besserung der anvisierten Erkrankung bestätigt.
INDIREKTES RETROGRADES PHÄNOMEN
Wie beim retrograden Phänomen kann eine neuraltherapeutische Segment- oder Störfeldbehandlung Beschwerden an anderer Stelle auslösen; wird jedoch aufgrund eines Störfeldverdachts diesen neuen Befunden nachgegangen, führt dies nicht zur Beseitigung des ursprünglich anvisierten Beschwerdebilds. In diesem Fall meldet der Organismus während der ersten neuraltherapeutischen Behandlung eine zuvor asymptomatische regionale Störung, die durch die vorangegangenen neuraltherapeutischen Anwendungen aktiviert wurde. Nach der Normalisierung dieser zusätzlichen Beschwerden ist es wichtig, diese neuen Symptome ebenfalls neuraltherapeutisch zu behandeln, da bei den ursprünglichen Beschwerden die zuvor erfolglose Segmentbehandlung diesmal positiv ansprechen kann. In solchen Fällen wirkt die neu aufgetretene Störung als blockierender Faktor.
SEKUNDENPHÄNOMEN
Dieses Phänomen, das dank der Brüder Huneke Beobachtung und Anwendung im therapeutischen Rahmen ermöglichte und völlig neue therapeutische Möglichkeiten eröffnete, ist zweifellos der interessanteste Aspekt der Neuraltherapie. Grundlage dieses Phänomens sind Störfelder, durch die über das autonome Nervensystem ein Krankheitsbild ausgelöst und unterhalten wird.
Das Sekundenphänomen ist eine Reaktionsfolge, bei der nach der Infiltration des Störfelds „innerhalb einer Sekunde“, soweit es die anatomischen Gegebenheiten zulassen, das klinische Bild verschwindet und sich die Funktion normalisiert.
Wichtig ist, dass die Beschwerden zunächst für mindestens 20 Stunden verschwinden und, nach erneutem Auftreten der ursprünglichen Beschwerden, durch die Wiederholung der Störfeldinfiltration dauerhaft beseitigt werden können. Wird ein Zahn als Störfeld identifiziert, muss die erste symptomfreie Zeitspanne mindestens acht Stunden andauern. Das Sekundenphänomen ist das eindrucksvollste Phänomen in der Neuraltherapie, das belegt, wie stark ein Störfeld Regulationsstörungen im Organismus auslösen kann.
Weiterführende Informationen zu diesem Thema finden Sie in meinem Buch über Neuraltherapie sowie in meiner Dissertation über Störfelder.
Verwendete Quellen:
• Nazlikul, H: Neuraltherapie-Lehrbuch
• Nazlikul, H: Neuraltherapie – Eine andere Behandlung ist möglich
• H. Barops (Übersetzer H. Nazlikul) Neuraltherapie-Atlas
• L. Fischers (Übersetzer H. Nazlikul und Y. Tamam) Neuraltherapie-Buch
• James W. NcNabb (Übersetzer H. Nazlikul und Y. Tamam) Gelenk- und Weichteilinjektionen
• Weinschenk, S: Neuraltherapie
• Fischer, L et al.: Lehrbuch Integrative Schmerztherapie