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Nach wie vielen Tagen wirkt die Neuraltherapie? – Eine funktionelle Betrachtung zum besseren…

Dr. Hüseyin Nazlikul
Dr. Hüseyin Nazlikul 05.09.2021 8 min read
Nach wie vielen Tagen wirkt die Neuraltherapie? – Eine funktionelle Betrachtung zum besseren Verständnis Funktionelle Betrachtung des vegetativen Nervensystems mit der Neuraltherapie
Funktionelle Betrachtung des vegetativen Nervensystems mit der Neuraltherapie

Die Wirkung der Neuraltherapie wird dadurch erzielt, dass das Medikament gezielt in definierte Gewebe injiziert wird. Auf diese Weise wird das sympathische Nervensystem erreicht, das im gesamten Organismus verteilt ist und eine wichtige Rolle bei der schnellen Informationsübertragung innerhalb der Autoregulation des Organismus spielt. Die Wirkung tritt genau dort auf, wo injiziert wird. Diese Wirkung kann sofort eintreten, spätestens jedoch innerhalb von 72 Stunden.

Bereits das bloße Einstechen einer Nadel in die Haut, ohne Medikament, erzeugt zunächst einen unspezifischen, akupunkturähnlichen Reiz, auf den sowohl das schnell leitende sensible Nervensystem als auch das sympathische Nervensystem afferent und efferent antworten. Zum einen werden durch den Reiz segmentale Reflexeffekte ausgelöst und dadurch das sympathische Nervensystem indirekt therapeutisch genutzt; zum anderen wird durch die Infiltration des Lokalanästhetikums der sympathische Leitungsbogen unterbrochen und die Normalisierung der sympathischen Funktion direkt therapeutisch genutzt.

Die Anwendung eines Lokalanästhetikums ist besonders zur Beseitigung eines Störfelds unbedingt notwendig. Dies hängt mit der angestrebten Hemmung des Reizes zusammen, die zusammen mit der später eintretenden therapeutischen Wirkung erfolgt, da der Prozess der Normalisierung der sympathischen Funktion länger dauert als die durch die Anästhesie verursachte Reizunterbrechung. Ein einfacher Nadelstich (z. B. Akupunktur) oder die zusätzliche Gabe eines Analgetikums führt segmental-reflektorisch zur Aktivierung hemmender Neurone. Dadurch wird die sympathische Funktionsstörung nur indirekt und im Rahmen der auf dieses Segment beschränkten Störung beeinflusst. Da bei der durch ein Störfeld ausgelösten Erkrankung die eigentliche Störung außerhalb des Segments liegt, kann mit derartigen Anwendungen die eigentliche Ursache des Problems nicht direkt erreicht werden.

DIE WIRKUNG TRITT UNMITTELBAR NACH DER INJEKTION EIN

Die Neuraltherapie ist eine Behandlung, bei der ein Lokalanästhetikum in einer Konzentration von 0,5–1 % Procain oder 0,5 % Lidocain eingesetzt wird. Sie bedeutet die Stimulation und Hemmung sympathischer afferenter und efferenter Fasern, um die Gewebeperfusion zu normalisieren.

So werden dank der Normalisierung des vasomotorischen Systems die Funktionen des Interstitiums und damit der Organe, Muskeln, Gelenke sowie des Kapsel-Band-Apparats, einschließlich des somatischen Nervensystems, normalisiert, wodurch unter anderem auch die Schmerzen der Patientin/des Patienten gelindert werden.

Die Verbindung des vegetativen Nervensystems zum Hirnstamm und darüber hinaus zum limbischen System (metabolisches Syndrom, psychiatrische Erkrankungen) bildet die Grundlage für die Behandlungsmöglichkeit komplexer Krankheitsbilder, einschließlich psychiatrischer Erkrankungen. Auch bei Krankheitszuständen schließt die Neuraltherapie durch die Vertiefung des Wissens über die vielschichtigen Funktionen des vegetativen Nervensystems eine bedeutende Lücke in der klassischen Medizin.

Zudem bestätigen die durch international fortgeschrittene wissenschaftliche Erkenntnisse belegten, über die reine Lokalanästhesie hinausgehenden Wirkungen der Lokalanästhetika die rein klinisch-chirurgischen Beobachtungen von vor 100 Jahren.

Lokalanästhetika besitzen neben ihrer analgetischen Wirkung auf das schmerzleitende Nervensystem auch über das vegetative Nervensystem vermittelte Wirkungen auf andere Zellsysteme: antiphlogistische, antiallergische, immunmodulatorische und antitumorale Effekte sowie eine für die Regeneration überaus wichtige Verbesserung der Mikrozirkulation. Diese Eigenschaften sind durch zahlreiche Studien belegt und gehören zum anerkannten medizinischen Wissen.

Die Bezeichnungen „Therapeutische Lokalanästhesie“ und „Neuraltherapie“ sind synonym, wobei sich der historisch spätere zweite Begriff mit der Zeit gegenüber dem ersten durchgesetzt hat. Während sich die Bezeichnung „Therapeutische Lokalanästhesie“ auf das verwendete Medikament bezieht, verweist der Begriff „Neuraltherapie“ auf das vegetative Nervensystem, seine Funktionen und seinen Nutzen.

Obwohl sie in allen medizinischen Fachrichtungen eingesetzt werden kann, wird die Neuraltherapie vor allem in der Behandlung von Entzündungen und Schmerzen genutzt und könnte als Behandlungsmethode in die klassische medizinische Ausbildung, insbesondere in die Innere Medizin, integriert werden. Aufgrund ihres breiten Indikationsspektrums hat die Neuraltherapie ihren Platz in der Präventivmedizin, in der Behandlung akuter und vor allem chronischer Erkrankungen sowie in der Rehabilitationsbehandlung. Der Vorteil der Neuraltherapie als Regulationstherapie liegt nicht nur darin, dass sie von Patientinnen und Patienten bevorzugt wird, sondern auch in ihrem sehr günstigen Kosten-Nutzen-Risiko-Verhältnis. Die Verringerung des Medikamentenbedarfs, des krankheitsbedingten Arbeitsausfalls im Berufsleben und der Zahl chirurgischer Eingriffe, das Ende der dauerhaften Medikamenteneinnahme bei chronischen Erkrankungen sowie die Behandlung multimorbider Patientinnen und Patienten aus einer Hand sind mit der komplexen Behandlung durch Neuraltherapie möglich.

Der zentrale Punkt der Regulations- und Schmerzbehandlung ist das Ungleichgewicht der sympathischen afferenten und efferenten Antwort. Das sympathische Nervensystem spielt bei der Regulation der neurogenen Entzündung und der Schmerzantworten (Nozizeption) die Hauptrolle. Die Freisetzung schmerzauslösender Mediatoren, die Weiterleitung von Schmerzantworten, die Bildung des als Antwort auf Schmerzreaktionen entstehenden Reflexbogens sowie die Einleitung der entzündlichen Antwort erfolgen über das vegetative Nervensystem und das sympathische System.

Ohne das sympathische Nervensystem entsteht kein Schmerz. Aus dieser Perspektive betrachtet wird die Bedeutung der Neuraltherapie und der Lokalanästhetika-Injektionen noch deutlicher verständlich. Deshalb ist es für den Erfolg in der eigentlichen Schmerzbehandlung von großem Nutzen, die sympathische Innervation der Organe zu kennen.

NEURALTHERAPIE

Unser Körper ist ein elektrischer Körper.  Durch die Injektion eines Lokalanästhetikums an spezifischen Stellen werden Blutzirkulation (arteriell und venös), Muskelregulation, Lymphzirkulation sowie periphere, zentrale und autonome Nervenleitung reguliert. Steigt die Blutzirkulation, also die Perfusion, wird das jeweilige Gewebe versorgt; steigt die Lymphzirkulation, wird das Gewebe von Stoffwechselprodukten befreit, also gereinigt, und das Gewebe, dessen Nervenleitung verbessert und reguliert ist, funktioniert geordneter.

Die Grundvoraussetzung für den Erfolg der Therapie ist eine korrekte Diagnose. Der diagnostische Ansatz in diesem Prozess muss individuell auf die Person zugeschnitten sein, wobei der zeitliche Zusammenhang der bei der Person aufgetretenen Veränderungen sowie die funktionelle Struktur berücksichtigt werden müssen. Für eine wirksame neuraltherapeutische Anwendung ist es von großem Nutzen, die von der IFMANT vorgesehene und anerkannte Ausbildung absolviert zu haben. Die einzige Institution in der Türkei, die diese Ausbildung anbietet und den IFMANT-Standards entspricht, ist die Wissenschaftliche Gesellschaft für Neuraltherapie-Regulation, www.noralterapi.com.

Die Neuraltherapie ist eine Behandlung, die erfolgreich zur Behandlung akuter und chronischer Erkrankungen eingesetzt wird. Bei dieser Behandlungsform erzeugt der Körper eine Antwort, indem er sein eigenes vegetatives Nervensystem nutzt. 

Bei der neuraltherapeutischen Behandlung werden Lokalanästhetika (meist Procain) in genau definierte Bereiche des Körpers appliziert, wodurch versucht wird, eine positive Durchblutung im Körper zu erreichen. Infolgedessen beginnt der Körper seinen eigenen Selbstheilungsprozess, und die Krankheitssymptome beginnen sich zurückzubilden. Deshalb ist die Neuraltherapie die effektivste natürliche Behandlungsoption.

Das Grundprinzip der Neuraltherapie ist die Regulation. Ein anatomisches Defizit oder ein genetisches Krankheitsbild fällt nicht unter die Indikationen der Neuraltherapie. Die Neuraltherapie sorgt vielmehr für die Regulation der vorhandenen Struktur.

DAS SYMPATHISCHE NERVENSYSTEM:

Reaktion und Funktion: Das sympathische Nervensystem spielt vor allem bei Entzündung und Degeneration, allgemein im Krankheitsprozess und besonders beim Schmerz eine Rolle. Die Funktion des die Gefäße innervierenden sympathischen Nervensystems beruht auf der aktiven Erweiterung und Verengung der Gefäße.

Ein Großteil des sympathischen Nervensystems bewirkt eine Vasokonstriktion, die bis zum vollständigen Verschluss der Gefäße führen kann. Einerseits erweitern sich die Gefäße infolge einer Sympathikolyse; andererseits wird durch kleinste Reize die für die Geweberegeneration, das Gewebewachstum und die Hyperplasie notwendige Gefäßerweiterung ermöglicht.

Bei der über das sympathische Nervensystem ausgelösten aktiven Gefäßerweiterung übernimmt Acetylcholin die Vermittlerfunktion. Die aktive vaskuläre Dilatation wird als parasympathische Aktivität betrachtet, deren Zentrum in der als Pars intermedia bezeichneten Region des Rückenmarks vermutet wird. Das autonome Nervensystem wird entweder durch den Organismus selbst oder durch Umweltfaktoren, denen die Person ausgesetzt ist, stimuliert. Die Antwort auf den Reiz hängt vom individuellen Ausgangszustand des Organismus sowie von der Intensität des Reizes ab. Die Empfindlichkeit des autonomen Nervensystems gegenüber Reizen nimmt von zentral nach peripher zu. Im Gegensatz zum somatischen Nervensystem kann im autonomen System ein „Engramm“ entstehen; wiederholte mittelstarke oder sehr starke Reize senken die Reizschwelle fortlaufend. Der Prozess der Erregung und der Reizfolge läuft wie folgt ab: 1. Reiz. 2. Erregung des sympathischen Nervensystems und gerichtete Reizleitung. 3. Am Endabschnitt der Kapillaren auf das Gefäßsystem wirkende Reizfolge. 4. Auswirkungen des Reizes auf das spezifische Organ. Dieser Prozess bildet die Grundlage der Gefäßsystemreaktionen in Rickers Stufenregel. Die im Gewebe auftretenden Prozesse reichen von einer durch entsprechende Symptome begleiteten verbesserten Mikrozirkulation über Nekrose bis hin zu Zellregeneration, Zelltod und Zelldysfunktion.

Der therapeutische Einsatz des sympathischen Nervensystems

Diagnostisch und therapeutisch relevante funktionelle Eigenschaften des vegetativen Nervensystems:

  • Das sympathische Nervensystem ist das einzige Informationssystem, das den gesamten Organismus durchzieht und ihn bei der situationsgerechten Anpassung unterstützt. Das parasympathische Nervensystem hat sowohl im Kopf- und Halsbereich als auch im Rumpf eine antagonistische Funktion.
  • Die grundlegenden Aufgaben des sympathischen Nervensystems:
    • Regulierung der Blutzirkulation
    • Kontrolle der Organsysteme.
  • Verschiedene Veränderungen und Prozesse an den Endgefäßen hängen von Reizen ab, die dem perivasalen sympathischen Nervensystem zugehören.
  • Wichtig ist, dass der erregte Zustand des perivasalen sympathischen Nervensystems auch nach einer vorübergehenden und begrenzten Anzahl von Reizen bestehen bleibt.

Ein einmalig erlebter Reiz kann zu einer „Sensibilisierung“ des paravasalen sympathischen Nervensystems führen und in der Folge die Reizschwelle senken, wodurch bei erneutem Auftreten des Reizes die Antwort verstärkt ausfällt.

Ein sehr starker Reiz oder die Wiederholung eines mittelstarken Reizes kann über die Autoregulation im perivasalen sympathischen Nervensystem einen dauerhaft erregten Zustand hervorrufen. Das klinische Korrelat hierfür ist die chronische Erkrankung.

BEHANDLUNGSOPTION:

Diese Reizfolge kann durch die Infiltration eines Lokalanästhetikums in den gereizten Bereich unterbrochen werden. Ähnlich wie wiederholte Reize zu einer Veränderung der Erregbarkeit bzw. Empfindlichkeit des sympathischen Nervensystems führen, können diese Veränderungen durch wiederholte Anwendungen von Lokalanästhesie rückgängig gemacht werden.

Berücksichtigt man die Reaktion des autonomen Nervensystems auf die Neuraltherapie, so hängt die therapeutische Normalisierung der autonomen Reizleitung weit mehr von der Beendigung der pathologischen Reizleitung als von der Wirkdauer des Lokalanästhetikums ab, weshalb angestrebt werden sollte, ein möglichst kurz wirksames Lokalanästhetikum zu verwenden. Eine 0,5–1%ige Lösung des Ester-Lokalanästhetikums Procain, insbesondere ohne jegliche Zusatzstoffe wie Vasokonstriktoren oder Konservierungsmittel, gewährleistet eine optimale Lokalanästhesie.

Bei der Anwendung von Procain werden folgende allgemeine Begleiterscheinungen beobachtet: leichter Schwindel, allgemeines Wärmegefühl, leichtes Schwitzen, metallischer Geschmack im Mund, „Zittergefühl“, selten kurzzeitige Konzentrationsschwäche oder selten kurzzeitige Sprach-, Seh- oder Hörstörungen.

Verwendete Quellen:

  • Nazlikul, H: Neuraltherapie-Lehrbuch 
  • Nazlikul, H: Neuraltherapie – Eine andere Behandlung ist möglich
  • H. Barops (Übersetzer H. Nazlikul) Neuraltherapie-Atlas 
  •  L. Fischers  (Übersetzer H. Nazlikul und Y. Tamam) Neuraltherapie-Buch
  • James W. NcNabb (Übersetzer H. Nazlikul und Y. Tamam) Gelenk- und Weichteilinjektionen
  • Weinschenk, S: Neuraltherapie 
  • Fischer, L et al.: Lehrbuch Integrative Schmerztherapie
  • Herget, F, H, Nazlikul, H : "Neurophysiologie und Neuropharmakologie der Schmerzmatrix" S. 56 ff in Abstractband Deutscher Schmerztag 1998
  • Barop, H. : Lehrbuch Neuralthererapi, 2. Überarbeitet Auflage Haug Verlag 2015
  • Fischer, L : Neuraltherapie nach Huneke 2004 HD
  • Reuter URM, Oettmeier R and Nazlikul H (2017) Procaine and Procaine-Base-Infusion: A Review of the Safety and Fields of Application after Twenty Years of Use. Clin Res Open Access 4(1): doi http://dx.doi.org/10.16966/2469-6714.127