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In der Neuraltherapie verwendete Lokalanästhetika – In der Neuraltherapie sicher eingesetzte…

Dr. Hüseyin Nazlikul
Dr. Hüseyin Nazlikul 01.05.2022 6 min read
In der Neuraltherapie verwendete Lokalanästhetika – In der Neuraltherapie sicher eingesetzte Medikamente Die Wirkung in der Neuraltherapie wird durch die gezielte Injektion des Medikaments in definierte Gewebestrukturen erzielt.
Die Wirkung in der Neuraltherapie wird durch die gezielte Injektion des Medikaments in definierte Gewebestrukturen erzielt.

Die Wirkung in der Neuraltherapie wird durch die gezielte Injektion des Medikaments in definierte Gewebestrukturen erzielt. Dies spielt eine große Rolle dabei, das im gesamten Organismus verteilte sympathische Nervensystem zu erreichen und eine schnelle Informationsübertragung innerhalb der Selbstregulation des Organismus zu ermöglichen.

In der Neuraltherapie werden vor allem Procain und Lidocain verwendet. Lang wirksame Lokalanästhetika (LA) erzielen in der Regel keine bessere therapeutische Wirkung. Ziel ist nicht die lange Wirkdauer, sondern das Durchbrechen des Teufelskreises. Dafür ist ein kurz wirksames LA die richtigere Wahl. Die therapeutische Wirkung entsteht einerseits durch den mit der Nadel gesetzten Reiz (und die Reaktion des Organismus), andererseits durch die kurzzeitige Unterbrechung des pathologisch schwankenden neuronalen Reflexbogens.

In der Neuraltherapie verwendete Medikamente – Neurotherapeutika

Bereits das Einstechen der Nadel in die Haut, selbst ohne Medikament, stellt zunächst einen unspezifischen Reiz dar, der sowohl afferent als auch efferent vom schnell leitenden, empfindlichen Nervensystem als auch vom sympathischen Nervensystem beantwortet wird. Zur Verstärkung dieses Reizes kann zusätzlich ein Medikament eingesetzt werden. Dass auch destilliertes Wasser, Kochsalzlösung, andere Medikamente sowie sogar eine Luftinjektion verwendet werden können, um in der Neuraltherapie den Reiz auszulösen, belegt, dass die Wahl des Medikaments dabei zweitrangig ist. Einerseits werden segmentale Reflexwirkungen allein durch den Reiz selbst ausgelöst und indirekt unter anderem zur Behandlung des sympathischen Systems genutzt. Andererseits wird durch die Infiltration eines Lokalanästhetikums der sympathische Reflexbogen unterbrochen, wodurch die anschließende Normalisierung der sympathischen Funktion direkt therapeutisch genutzt wird.

Der Einsatz eines Lokalanästhetikums (LA) ist insbesondere zur Beseitigung eines Störfeldes eine unverzichtbare Voraussetzung. Dies hängt mit dem Prozess der Normalisierung der sympathischen Funktion zusammen, der länger andauert als die durch das Anästhetikum ausgelöste Reizunterbrechung, wobei die gezielte Reizunterbrechung mit der später eintretenden therapeutischen Wirkung verknüpft ist. Ein gezielter Reiz, sei es durch einfaches Einstechen der Nadel (z. B. Trockennadelung oder Akupunktur) oder durch zusätzliche Gabe eines analgetischen Stoffs, führt segmental-reflektorisch unter anderem zur Aktivierung hemmender Neurone. Diese können daher nur in Bezug auf die zum jeweiligen Segment gehörende Störung indirekt Einfluss auf die sympathische Funktionsstörung nehmen. Bei einer durch ein Störfeld ausgelösten Erkrankung liegt die eigentliche Störung außerhalb des Segments, weshalb sie auf diesem Weg nicht erreicht werden kann.

Vergleich der beiden wichtigsten in der Neuraltherapie verwendeten Lokalanästhetika

Procain

Lidocain

Chemische Struktur

Aminoester

Aminoamid

Wirkdauer

20 Minuten

60–90 Minuten

Diffusivität

+ +

+ + + +

Gewebeverteilungsfähigkeit

+ +

+ + + +

Penetrationsfähigkeit

+ +

+ + + +

Abbau

Hydrolyse

Oxidativer Abbau

durch spezifische Pseudo-

Acetaldehid und

Cholinesterase

Ethylaminoaceto-2,-

Abbauprodukte: Paraaminobenzoesäure und Diethylaminoethanol

6-Xylidid in der Leber

Ausscheidung

Niere

Toxizität

50 % weniger toxisch als Lidocain

Neurotoxizität

+

+ +

Plazentagängigkeit

+

+

Höchstmenge pro Behandlungseinheit

500 mg

250 mg

Betrachtet man die in der Neuraltherapie angestrebte Reaktion des vegetativen (autonomen) Nervensystems, so wird bewusst ein möglichst kurz wirksames Lokalanästhetikum eingesetzt, da der therapeutische Erfolg der vegetativen Übertragung normalerweise von der Unterbrechung der pathologischen Reizleitung abhängt und keine Frage der Wirkdauer ist. Hier stellt das ester-strukturierte Procain, ohne jegliche Zusatzstoffe in einer 1 %igen Lösung, insbesondere ohne Vasokonstriktoren und Konservierungsmittel, als optimales Lokalanästhetikum die erste Wahl dar.

Allgemeine Symptome im Zusammenhang mit der Procain-Anwendung: leichter Schwindel, allgemeines Wärmegefühl, leichtes Schwitzen, Metallgeschmack, inneres „Zittern“-Gefühl, selten kurzzeitige Konzentrationsstörungen oder selten kurzzeitige Sprach-, Seh- oder Hörstörungen.

Wird die maximale Dosis des Lokalanästhetikums überschritten oder erfolgt versehentlich eine intravenöse bzw. intraarterielle Injektion in ein zum Gehirn führendes Gefäß, ist mit den gesamten Organismus betreffenden toxischen Reaktionen und in der Folge mit dem Ausfall lebenswichtiger Hirnfunktionen zu rechnen. In der Regel wird die allgemeine toxische Reaktion in zwei Phasen unterteilt: eine erste Erregungsphase und eine zweite Lähmungsphase (Moor, Southworth, Pitkin u. a., Zipf, Nolte in Kilian: 1973). Das klinische Bild der Intoxikation ist bei allen Lokalanästhetika gleich, wobei nicht zwingend beide Phasen durchlaufen werden.

Besonders in den letzten Jahren wurden neue und interessante Wirkungen festgestellt: Bemerkenswert ist der Nachweis, dass der bei Alzheimer, Altersdepression und AIDS erhöhte Glukokortikoidspiegel durch Procain gesenkt werden kann, weshalb bei diesen Erkrankungen klinische Effekte zu erwarten sind.

Ein für zukünftige Forschung besonders interessanter Befund ist zudem die Wirkung von Procain auf die Kanzerogenese: Die DNA-Methylierung deaktiviert Tumorsuppressorgene. Procain besitzt auch DNA-demethylierende Eigenschaften. Angesichts dieser Ergebnisse wird angenommen, dass Procain eine starke tumorprotektive Wirkung besitzt.

Die allgemeinen systemischen und pharmakologischen Wirkungen von Procain sind:

  • Membranstabilisierend,
  • Antiarrhythmisch,
  • Muskelrelaxierend,
  • Bronchospasmolytisch,
  • Spasmolytisch am Sphincter Oddi und im Darm,
  • Die Koronardurchblutung steigernd,
  • Negativ inotrop,
  • Negativ chronotrop,
  • „Endo-anästhetisch“ (positive Modulation der Lungendehnungsrezeptoren, des Glomus caroticum, der Gefäßrezeptoren, der viszeralen Rezeptoren sowie der glatten und quergestreiften Muskulatur),
  • Antikonvulsiv (bei Überdosierung gegenteilige Wirkung),
  • Spezifische Reizmodulation im limbischen System,
  • Antihistaminisch,
  • Entzündungshemmend,
  • Sympathikolytisch,
  • Parasympathikolytisch,
  • Gefäßerweiternd,
  • Antiviral,
  • Arteriell wirksam,
  • Antibakteriell,
  • Antimykotisch,
  • (Stimulierende) Wirkung auf die Zellen des Immunsystems,
  • Tumorprotektive Wirkung (DNA-Demethylierung),
  • Kortikoidspiegel senkende Wirkung,
  • Antithrombotische Wirkung

Es darf niemals in zum Gehirn führende Gefäße oder in den Liquorraum des zentralen Nervensystems im kranialen Bereich injiziert werden. Andernfalls kann es, neben anderen Effekten, zu Krämpfen, Bewusstlosigkeit sowie Herz- und Atemstillstand kommen. Aus diesem Grund muss im Kopf- und Halsbereich stets ein sorgfältiger Aspirationstest durchgeführt und die Injektion sehr langsam und unter aufmerksamer Überwachung des Allgemeinzustands des Patienten vorgenommen werden.

Praktische Anwendung

Bei einem erwachsenen Patienten mit etwa 75 kg Körpergewicht sollten pro Sitzung höchstens 20 ml einer 1 %igen Lidocainlösung verwendet werden. Obwohl in der klinischen Praxis aufgrund seiner geringeren Toxizität höhere Mengen möglich wären, hat sich gezeigt, dass es sinnvoll ist, dieselbe Menge auch für Procain zugrunde zu legen. Bei Dosen über 20 ml klagt ein Teil der Patienten über einen leichten, kurz anhaltenden (2–10 Minuten) Schwindel vegetativen Ursprungs, der jedoch nicht auf eine toxische oder allergische Reaktion hinweist. Da in der Praxis der Neuraltherapie ohnehin einerseits die Auflösung des Impulses, andererseits die kurzzeitige Ausschaltung der feinen Nervenfasern angestrebt wird, ist es ohnehin nie erforderlich, pro Sitzung mehr als 20 ml Lidocain oder Procain zu verwenden.

Die angegebenen Mengen gelten selbstverständlich nur für Injektionen in das Gewebe. Bei intravasal verabreichten Injektionen sollten nicht mehr als 1–3 ml einer 1 %igen Lidocain- oder Procainlösung verwendet werden.

Es ist wichtig, auf die verwendete LA-Dosis zu achten!

Bei den klassischen Dosierungen der Neuraltherapie kommt es zu keiner toxischen Belastung. Bei Patienten, die Lidocain erhalten, kann dies jedoch gelegentlich vorkommen. In der Türkei gibt es Lidocain-Ampullen in den Konzentrationen 1 %, 2 % und 10 %. Deren Verwechslung kann zu einer Überdosierung führen. In der Neuraltherapie sollten ausschließlich Procain und Lidocain verwendet werden. Bei anderen Lokalanästhetika kommt es häufiger und schneller zu Überdosierungen. Wir empfehlen als sichere Wahl ausschließlich Procain und Lidocain.

Symptomatik der Intoxikation bei Lokalanästhesie

Erregung

Lähmung

Unruhe

Bewusstlosigkeit, Koma

Verwaschene Sprache

Vollständiger Verlust von Sensorik und Motorik

Verwirrtheit

Tachykardie, Herzklopfen

Bradykardie, Arrhythmie, Herzstillstand

Hypertonie

Hypotonie

Atembeschwerden, Hyperpnoe, Übelkeit/Erbrechen

Dyspnoe, Zyanose, Apnoe

Konvulsionen

Zittern

Tonisch-klonische Krämpfe

Anstieg der Körpertemperatur

Dr. Hüseyin NAZLIKUL
IFMANT = Präsident der Internationalen Neuraltherapie-Föderation
Präsident der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Neuraltherapie und Regulationsmedizin 

Verwendete Quellen:
•    Nazlikul, H: Neuraltherapie-Lehrbuch 
•    Nazlikul, H: Neuraltherapie – Eine andere Behandlung ist möglich
•    H. Barop (Übersetzer H. Nazlikul), Neuraltherapie-Atlas 
•    L. Fischer (Übersetzer H. Nazlikul und Y. Tamam), Neuraltherapie-Buch
•    James W. NcNabb (Übersetzer H. Nazlikul und Y. Tamam), Gelenk- und Weichteilinjektionen
•    Weinschenk, S: Neuraltherapie 
•    Fischer, L et al: Lehrbuch Integrative Schmerztherapie