Was tun bei Schulterschmerzen? Neuraltherapie bei schulterbedingter Bewegungseinschränkung,…

Das Schultergelenk ist der komplexeste Gelenkkomplex des Körpers. Es besteht aus dem glenohumeralen, dem akromioklavikulären, dem sternoklavikulären und dem skapulothorakalen Gelenk. Aus diesem Grund ist es zutreffender, statt vom Schultergelenk vom Schulterkomplex zu sprechen. Das glenohumerale Gelenk ist ein synoviales Kugelgelenk. Da der Humeruskopf groß und die Gelenkpfanne (Cavitas glenoidalis) flach ist, besteht nur eine geringe knöcherne Führung. Deshalb wird die Gelenkstabilität durch Weichteilstrukturen wie Kapsel, Bänder und Muskeln gewährleistet. Dies wiederum ermöglicht den großen Bewegungsumfang (ROM).
Die statischen Faktoren, die die Bewegung des glenohumeralen Gelenks einschränken und die Stabilität gewährleisten, sind die Gelenkflächen, die Bänder, die Gelenkkapsel, der intraartikuläre Druck und das Labrum; dynamische Faktoren sind die über das Gelenk verlaufenden Muskeln.
Um die Gelenkpfanne herum liegen die Gelenkkapsel, die glenohumeralen Bänder und das Labrum. Der obere Abschnitt des Labrums verschmilzt mit der Sehne des langen Bizepskopfes. Das Labrum vergrößert die Tiefe der Gelenkpfanne um 50 %.
Die Kapsel gehört zu den wichtigsten statischen Stabilisatoren des glenohumeralen Gelenks.
Die glenohumeralen Bänder (oberes, mittleres und unteres) stehen in enger Verbindung mit der Kapsel und verstärken diese von vorne. Das untere Band ist von allen glenohumeralen Bändern der dickste und wichtigste statische Stabilisator. Das korakohumerale Band verstärkt hingegen die vordere obere Fläche der Kapsel.
Die Bursa subacromialis (subdeltoidea) liegt zwischen dem Ligamentum coracoacromiale, dem Akromion und der Supraspinatussehne und erstreckt sich unter dem Musculus deltoideus und dem Processus coracoideus. Die wesentliche Aufgabe dieser Bursa besteht darin, während der Bewegung die Reibung zwischen den in diesem Bereich befindlichen Strukturen zu verringern, insbesondere zwischen Humerus und Supraspinatussehne.
Klinisch ist die wichtigste Struktur in diesem Bereich der korakoakromiale Bogen. Dieser Bogen besteht aus dem Processus coracoideus der Skapula, dem Akromion und dem diese verbindenden Ligamentum coracoacromiale. Im Raum unterhalb des Bogens liegen die Sehnen der Rotatorenmanschettenmuskulatur sowie die Bursa subacromialis (subdeltoidea).
Die wichtigsten oberflächlichen Muskeln der Schulter sind der Musculus pectoralis major, der Musculus deltoideus und der Musculus trapezius.
Die tiefe Muskelschicht wird von der Rotatorenmanschettenmuskulatur der Schulter und dem Musculus biceps brachii gebildet. Der Musculus subscapularis setzt am Tuberculum minus an. Der Musculus supraspinatus, der Musculus infraspinatus und der Musculus teres minor setzen hingegen am Tuberculum majus an.
Der Musculus serratus anterior, die Rhomboiden, der Musculus levator scapulae und der Musculus latissimus dorsi sind Rumpfmuskeln, die die Stabilisierung und Bewegung der Schulter unterstützen.
Die oberflächlichen und tiefen Strukturen des Schultergelenks sind hinsichtlich der nervalen Innervation sehr reich versorgt. Die Nervenfasern entspringen aus C4, C5, C6 und C7. Die Innervation von Band, Kapsel und Synovialmembran erfolgt durch den N. axillaris, den N. suprascapularis, den N. subscapularis und den N. musculocutaneus. Diese Strukturen gehören zugleich zu den Orten mit der dichtesten Innervation durch das vegetative Nervensystem.
Das Schultergelenk ist hinsichtlich der arteriellen und venösen Durchblutung sehr reich versorgt. Allerdings ist der als „kritische Zone“ bezeichnete Bereich nahe der Ansatzstelle der Supraspinatussehne ein Bereich mit geringer Gefäßversorgung. Der wesentliche Faktor, der Veränderungen an der Supraspinatussehne auslöst, ist die Hypoxie in diesem Bereich.
Die Lymphdrainage der oberen Extremität beginnt an den Lymphgefäßen der Finger und dem in der Haut der Hand befindlichen Lymphplexus. Der Fluss verläuft in Richtung Unterarm und Arm. Ein Teil verläuft über die Nodi cubitales im Ellenbogenbereich und die Nodi deltopectorales an der Schulter und mündet in die axillären Lymphknoten. Diese folgen den Gefäß-Nerven-Bündeln und nehmen Lymphe aus Gelenkkapsel, Periost, Sehnen, Nerven und Muskeln auf.
Bei der Beurteilung einer Patientin/eines Patienten, die/der sich mit Schulterbeschwerden vorstellt, müssen wir zunächst klären, ob es sich um eine lokale Schulterpathologie handelt. Wir wissen, dass aufgrund der Kommunikation der Strukturen innerhalb eines Segments über das Rückenmark kein Problem rein lokal bleiben kann.
10 % der Menschen erleben im Laufe ihres Lebens einen oder mehrere Schulterschmerz- und/oder Steifheitsepisoden. Diese Beschwerden können von Pathologien im Schulterbereich selbst, von anderen systemischen Erkrankungen oder von entfernten Faktoren herrühren.
Bei der Anamneseerhebung müssen wir versuchen, den zeitlichen Zusammenhang herzustellen. Anschließend muss eine sorgfältige körperliche Untersuchung des Schultergelenks erfolgen, wobei nach Narbengewebe, Impfnarben und Farbveränderungen innerhalb des Schultersegments gesucht werden muss. Positive Befunde bei dieser Untersuchung lassen darauf schließen, dass das Problem von der Schulter und dem Segment ausgeht. Ist dies nicht der Fall, ist die Ursache nicht schulterbedingt. Das Problem kann ein Störfeld sein; in dieser Hinsicht sollten die Adler-Punkte untersucht werden. Als Störfeld darf man auch den Darm nicht vergessen. Die Triggerpunkte, die Schulterschmerzen verursachen können, werden untersucht. Zudem darf man nicht vergessen, auch die benachbarten Gelenke zu betrachten, denn wir wissen, dass kein Gelenk allein erkrankt. Die Patientin/der Patient wird im Hinblick auf diese möglichen Pathologien erneut beurteilt. Andererseits wird die Patientin/der Patient lokal beurteilt. Das Problem kann sowohl vom Gelenk selbst ausgehen als auch Folge einer thorakalen Blockade sein. In dieser Hinsicht können vor allem nachts zunehmende Beschwerden als Goldstandard gelten.
Das Schultergelenk ist zugleich ein Bereich mit zahlreichen Reflexzonen. Deshalb müssen frühere Tonsilleninfektionen oder eine Tonsillektomie, Gallenblasenbeschwerden und -operationen, an der Patientin/dem Patienten durchgeführte Zahnbehandlungen sowie bei der Patientin/dem Patienten vorliegende kardiale Probleme erfragt und hinsichtlich des zeitlichen Zusammenhangs beurteilt werden. Wie bekannt ist, ist der Schulterbereich das Reflexfeld dieser Organe.
Bei der Differenzialdiagnose von Schulterschmerzen nehmen spezielle Tests im Rahmen der körperlichen Untersuchung einen wichtigen Platz ein. Zu diesen Tests gehören vor allem:
- Painful-Arc-Test
- Supraspinatus-Test
- Neer-Test
- Hawkins-Test
- Drop-Arm-Test
- Infraspinatus-Test
- Subscapularis-Test
- Yergason-Test
- Speed-Test
Behandlung:
Bei der Behandlung von Schultererkrankungen sollte unser Ansatz multidisziplinär sein. Ohne die Neuraltherapie ist es sehr schwierig, bei Schulterbeschwerden erfolgreich zu sein. Bei chronischen Fällen kann manchmal, da die Patientin/der Patient in der Nutzung der Schulter eingeschränkt ist, psychologische Unterstützung erforderlich sein. Die Neuraltherapie hat in der Behandlung einen ebenso großen, wenn nicht sogar größeren Stellenwert als diese Fachrichtungen. Bei akuten Schulterverletzungen, die keine Operation erfordern, wird die Neuraltherapie erfolgreich eingesetzt.
Schulterprobleme entstehen meist infolge von Überlastung und häufig wiederkehrenden Belastungen. In der akuten Phase werden Ruhigstellung, Analgetika und NSAR sowie Kälteanwendung bevorzugt, in der subakuten und chronischen Phase physikalische Therapiemaßnahmen und Übungen.
Akute Pathologien sprechen sehr gut auf die Neuraltherapie an. Die Zahl der Patientinnen und Patienten, die letztlich operiert werden müssen, ist recht gering. Bei therapieresistenten chronischen Fällen sind meist ein Störfeld, eine thorakale Blockade, Triggerpunkte, Pathologien benachbarter Gelenke und selten auch psychische Belastung die Ursache. Bei chronischen Fällen lässt sich mit wiederholten Injektionen Erfolg erzielen.
Der erste Ansatz in der Neuraltherapie sollte darin bestehen, an den als schmerzhaft und empfindlich befundenen Punkten sowie am Schultersegment Quaddeln zu setzen. Insbesondere die an das vegetative Nervensystem (VNS) reich innervierten Ansatzstellen von Kapsel und Sehnen am Knochen müssen behandelt werden. Als Segment werden im Bereich C4–C7 Quaddeln gesetzt. Bleibt das Ansprechen aus, liegt das Problem weiter oben.
In dieser Hinsicht ist es notwendig, die Wirkung der Neuraltherapie zu nutzen, um den Schulterbereich zu regulieren.
Verwendete Quellen:
• Nazlikul, H: Neuraltherapie-Lehrbuch
• Nazlikul, H: Neuraltherapie – Eine andere Behandlung ist möglich
• H. Barops (Übersetzer H. Nazlikul) Neuraltherapie-Atlas
• L. Fischers (Übersetzer H. Nazlikul und Y. Tamam) Neuraltherapie-Buch
• James W. NcNabb (Übersetzer H. Nazlikul und Y. Tamam) Gelenk- und Weichteilinjektionen
• Weinschenk, S: Neuraltherapie
• Fischer, L et al.: Lehrbuch Integrative Schmerztherapie